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Die italienische Renaissance. Unsere modernen Architekturformen haben – soweit sie sich nicht an die mittelalterlichen Stilarten anschließen – ihren Ursprung in der römischen Antike. Sie sind uns durch eine Kunstepoche übermittelt worden, die zugleich den Anfang der neueren Welt- und Kulturgeschichte markiert und die wir als „italienische Renaissance“ zu bezeichnen pflegen. Renaissance heißt „Wiedergeburt“, in unserem Fall also Wiedergeburt der klassischen römisch-griechischen Formensprache auf dem Gebiet der Baukunst. Mit dieser ging Hand in Hand eine gewaltige Umwälzung der gesamten Lebensanschauung auf allen geistigen und wissenschaftlichen Gebieten einher, die sich nicht auf Italien allein beschränkte, sondern die ganze zivilisierte Welt erfasste.
In ihrem Gefolge vollzogen sich auch einschneidende Veränderungen auf künstlerischem Gebiet, sodass man von einer Renaissance-Bewegung in Frankreich, Deutschland, England usw. sprechen kann, die in jedem dieser Länder durch die Vermischung mit der heimischen Kunstweise einen ganz eigenen Charakter annahm.
Diese wäre ohne Kenntnis des Ursprungs unverständlich. Deshalb halte ich es für wichtig und durchaus geboten, den angehenden Baukünstler zunächst mit den leicht verständlichen und an bestimmte Gesetze gebundenen Bauformen der italienischen Renaissance bekannt zu machen. Denn diese Formenkenntnis wird ihm, wie ein alter Schulmann richtig sagt, gleichsam als Schutzimpfung gegen bauliche Formentorheiten und Modekrankheiten der Architektur dienen. Das edle Formenverhältnis lehrt uns allein das Studium der italienischen Kunst. Diese Kenntnis auf die heimische Bauweise zu übertragen, sie auch bei einfacheren Aufgaben unserer bürgerlichen Baukunst festzuhalten und sich von ihr bei den Schöpfungen der Phantasie leiten zu lassen – die heutzutage in sehr mannigfaltiger und oft launenhafter Form auftreten –, ist die Aufgabe des geschulten Bautechnikers. Betrachten wir nun in Kürze die geschichtliche Entwicklung dieser Renaissance-Kunst näher.
Während des gesamten Mittelalters waren die in den italienischen Städten ansässigen Kaufleute die Vermittler des Handels zwischen Westeuropa und dem Orient. Durch den hierbei erworbenen Reichtum wurden sie zu den eigentlichen Herren Italiens. Mit dem gesteigerten Lebensgenuss verband sich bei ihnen das Streben nach höherer Bildung, gefördert durch das Studium der römisch-griechischen Literatur.
Hierdurch entstanden selbstbewusste, freie Persönlichkeiten, die sich in den Mittelpunkt des geistigen und wirtschaftlichen Lebens stellten. Die Erinnerung an die einstige Größe Roms, wachgehalten durch zahlreiche Monumente, ließ den Wunsch nach einer Wiederbelebung der antiken Herrlichkeit mächtig erstarken. Es entwickelte sich ein Wetteifer unter den italienischen Städten wie Florenz, Siena, Pisa, Mailand, Verona u. a., ihren eigenen Ruhm durch großartige Bauwerke auf das Höchste zu steigern.
Die antiken römischen Baureste wurden vermessen, aufgezeichnet und verglichen. Das Ergebnis fasste man in einem Kanon der Architektur zusammen, der lehren sollte, wie man ein Bauwerk mit harmonischen Verhältnissen der einzelnen Teile zueinander schafft. Architekturtheoretiker wie Leon Battista Alberti traten auf und betonten vor allem die Harmonie der einzelnen Bauglieder. Das Kranzgesims soll ein ununterbrochenes Ganzes sein, fein abgestimmt auf das Gesamtbild und die einzelnen Stockwerke. Die Wucht des Sockels, die Massigkeit des Erdgeschosses, das harmonische Verhältnis der Fenster, der Pilaster usw. wurden beim Aufbau der Fassade zur wichtigsten Hauptsache erhoben. Diese Regeln gelangten zunächst an den zahlreichen Palastbauten des Adels und der reichen Kaufmannschaft in den oberitalienischen Städten zur Anwendung ( bis ).
Die gesamte Fassade, deren einzelne Teile weiter unten in den entsprechenden Abschnitten näher besprochen werden, übt durch ihre gewaltige Einfachheit sowie durch ihre strenge Regelmäßigkeit eine großartige Wirkung dort aus, wo sie allein steht und als Zeugnis des Reichtums und der Macht des Erbauers die umliegenden Bürgerhäuser weit überragt. Diese Wirkung wird allerdings erst durch die Echtheit des Materials und die fein abgewogenen Verhältnisse der geschlossenen Mauermassen zu den Öffnungen ermöglicht. Diese erste Periode der Baukunst bezeichnet man als Frührenaissance; die Baukunst der folgenden Jahre von 1500 bis etwa 1540 pflegt man als Hochrenaissance zu bezeichnen. Die Zeit des Suchens ist vorüber, die höchste künstlerische Errungenschaft auf dem Gebiet des Bauwesens und der zugehörigen Künste (Malerei und Plastik) ist erreicht.
Ein durchaus monumentaler Sinn beherrschte Bauherren und Baumeister. Es entwickelte sich die Kunst der Verhältnisse im Großen. Die Säulenordnungen der einzelnen Stockwerke fügen sich zu einer schönen Gesamtwirkung aneinander; sie beleben die Wand und dienen allein als Ausdruck ihrer Bestimmung, nämlich des Tragens ().
Das Quadermauerwerk wird flach, oft nur andeutungsweise behandelt. Die Wandfläche erscheint auch als regelmäßiges Ziegelmauerwerk, und nur die Ecken sind durch Quaderketten verstärkt. Dafür nahmen die Fenster und Portale jetzt ein reicheres Rahmenwerk an. Pilaster und Säulen umsäumen diese, und Giebel setzen sich als Bekrönung darauf. Die Brüstung besteht aus Postamenten mit dazwischengestellten Docken . So wird das Fenster mit seiner architektonischen Gestaltung zum selbstständigen Bauteil.
Die Periode der Hochrenaissance rechnen wir etwa bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts; ihre Formensprache zeigt stets eine gewisse Strenge und ein besonnenes Maßhalten. Das änderte sich gegen Ende des 16. Jahrhunderts.
Zwar wollte man auch jetzt noch auf antiker Grundlage weiterbauen, aber man wendete dazu andere Mittel an. Säulen und Halbsäulen ersetzten nun die Pilaster und die Wandstreifen an den Fassaden. Dabei gewannen die Tür- und Fensterrahmen immer stärkere Profilierungen. Das gesamte Erscheinungsbild wurde auf den Effekt berechnet und in das Spiel der ornamentalen Kunst hineingezogen.
Selbst die Säule mit ihrem zugehörigen Gebälk wurde jetzt zur ornamentalen Zutat, zum reinen Schmuckglied an der Fassade. Man verband und verkröpfte sie nach Belieben, verlängerte sie oder bauschte sie durch angehängte Fruchtschnüre und Masken zu wulstigen Formen auf. Die Giebel wurden geknickt und geschweift; die gesamte feste Architektur geriet in Bewegung und in malerischen Schwung. Man kann sagen, dass am Ende des 16. Jahrhunderts die ursprüngliche Bedeutung der antiken Zierform, auf der doch die Renaissance beruhte, nahezu vollständig vergessen und verschwunden war.








