Die Verwendung des Backsteins erstreckte sich ursprünglich auf massenhafte Anhäufungen, während seine Verwendung für Kunstbauten nur sehr langsam Eingang und Fortentwicklung fand. Seine Form ist anfangs immer die eines rechtwinkligen, vierseitigen Prismas.
Der ersten größeren Anwendung begegnen wir bei den Ägyptern; die Hellenen benutzten ihn nur in geringem Maße, und erst bei den Römern gelangte er wieder zu höherer Geltung. Hier sehen wir zum ersten Mal Steine zur Anwendung gebracht, die von der bis dahin üblichen rechteckigen Form abweichen und bei quadratischer oder sechsseitiger Form, meist über Eck stehend, angeordnet wurden. Auch Formsteine von mehr oder weniger reicher Profilierung kannten die Römer bereits. Auf welcher Höhe die Ziegeltechnik damals schon stand, bezeugen uns die bedeutenden Dimensionen der Steine – bis zu $42\text{ cm}$ Länge bei nur geringer Höhe – an vielen Bauten aus der Römerzeit und der Umstand, dass diese keine Spur von Krümmung aufweisen. Unter den Byzantinern erfuhr dann der Ziegelbau eine besonders sorgsame Pflege, und wir beobachten bereits selbstständige Formen, die wenig an jene der Antike erinnern. Von hier aus wurde der Backsteinbau auf andere Völker übertragen, namentlich nach Oberitalien. Im Mittelalter sehen wir ihn schließlich in unserer nordischen Tiefebene heimisch werden, besonders zwischen Brandenburg und Hannover, von hier nordwärts über Lüneburg bis Bremen, entlang der Nord- und Ostsee, vor allem in Lübeck, in ganz Mecklenburg, in Stralsund und Stettin bis nach Königsberg und von dort über Berlin bis Magdeburg. Es darf uns diese Übertragung aus den südlichen Ländern unter Übergehung Süddeutschlands direkt in unseren Norden deshalb nicht wundern, weil diese, im Gegensatz zu Süddeutschland, an natürlichen Bausteinen arme Gegend die für die Ziegelherstellung erforderlichen Rohstoffe, Lehm oder fetten Flussschlamm, in großen Mengen zur Verfügung hat.
In der letzten Hälfte unseres Jahrhunderts hat der Bau mit gebrannten Steinen einen bedeutenden Aufschwung genommen. Die Ziegeleitechniker wurden gezwungen, Mittel und Wege zur vereinfachten und schnelleren Herstellung der Steine zu ersinnen, um den durch die massenhafte Verwendung des Ziegelsteins hervorgerufenen höheren Anforderungen genügen zu können. Auch mussten diese bemüht sein, den Steinen ein besseres Aussehen, eine gleichmäßige Färbung und vor allem eine einheitliche und scharf begrenzte Form zu geben.
Den ersten Anstoß zu dieser Wiederbelebung des Backsteinbaus gab Schinkel durch die ausschließliche Verwendung gebrannter Steine beim Bau der Bauakademie, des Werderschen und des Feilnerschen Hauses in Berlin. Seitdem ist in Berlin eine große Zahl an Kirchen und anderen öffentlichen Gebäuden sowie eine kaum zu übersehende Zahl von Privatbauten, besonders industriellen Etablissements, als Ziegelrohbau zur Ausführung gelangt.
In Hannover war es in erster Linie der Altmeister Hase, in Kassel der geniale, leider zu früh verstorbene Ungewitter, die die Wiederaufnahme des Backsteinbaus kräftig zu fördern suchten. Aber auch andere, wie Adler durch die Veröffentlichung verschiedener Aufnahmen unserer mittelalterlichen Bauwerke, trugen kräftig zur weiteren Förderung und Neubelebung des Rohbaus bei.
Manche Anfeindungen hat der Backsteinbau über sich ergehen lassen müssen; heute ist die Überzeugung von seiner Gleichberechtigung mit anderen Bauweisen wohl überall durchgedrungen.
Bei der Einführung von Maschinen in die Ziegeleibetriebe glaubte man die Fabrikation zu fördern und die Güte der Steine zu heben, indem man den Ton so konsistent wie nur möglich durch die Ziegelpresse laufen ließ. Die Steine erhielten dadurch zwar ein schöneres Aussehen als die bis dahin üblichen Handsteine, besaßen aber nur zu häufig nicht die gleichmäßige Spannung und das dichte Gefüge, das die nassere Verarbeitung mit der Hand ihnen früher gegeben hatte. Den Mangel dieser Herstellungsweise können wir an einer großen Zahl von Bauwerken beobachten, die mit solchen Steinen verblendet sind. Erst mit Einführung des Hohl- oder Lochsteines sind die Blendziegel wieder zu einer vollkommeneren Bearbeitung gelangt. Die Fabrikation derselben erfordert ganz besonders gute und gut verarbeitete Rohstoffe, außerdem aber eine Vermehrung des Wasserzusatzes. Durch das verengte Mundstück der Ziegelpresse wird eine größere und gleichmäßigere Dichtigkeit der Steine und infolgedessen auch ein besseres und gleichmäßigeres Durchbrennen erzielt. Wesentlich gefördert wurde in den letzten Jahrhunderten die Verwendung des Backsteins durch die Einführung der schön und gleichmäßig geformten und fest gebrannten Blendsteine aus den Lausitzer und schlesischen – besonders den Siegersdorfer – Ziegelwerken, die solche in den verschiedensten Färbungen auf den Markt brachten und namentlich auch den Glasuren wieder zu Ansehen verhalfen. Letztere, im Mittelalter vorzugsweise als konstruktives Schutzmittel für der Witterung besonders stark ausgesetzte Bauteile verwendet, haben heute insofern eine viel größere Bedeutung erlangt, als ihre Verwendung in erster Linie auf das Erkennen ihrer dekorativen Wirkung zurückzuführen ist. Die Glasur nimmt in der Backsteinarchitektur gewissermaßen die Stelle ein, die dem Gold in der malerischen Dekoration zugeteilt ist; sie belebt das Bild, sie trennt die Farben und erhält diese frisch.
Viel Streit ist unter den Fachgenossen entbrannt über die Verwendung der Terrakotten beim Ziegelrohbau . Während die einen alle ornamentalen Teile, ja selbst die Gesimsstücke, die diese stützenden Konsolen, die bekrönenden und frei endigenden Bauteile usw. aus möglichst großen Werkstücken gebrannt verlangten, bekämpften andere dieses Streben aufs Heftigste und wollten nur dem gewöhnlichen Steinformat die Berechtigung zur Verwendung beim reinen Backsteinbau zugestehen. Im Allgemeinen dürfte als richtig gelten, jedes Bauglied als Terrakotten so zu gestalten, dass die Platten oder Steine – gleichviel in welcher Größe – natürliche Abschnitte des Ornaments bilden, in denen die Fugen als notwendige Trennungslinien wirken.
Schon in früher Zeit scheint diese Auffassung befolgt worden zu sein, da wir sowohl an unseren nordischen Bauwerken des Mittelalters als auch an solchen aus der Renaissancezeit Oberitaliens nur verhältnismäßig wenige sogenannte frei fortlaufende Ornamente beobachten, in welchen die Fugen allerdings immer stören.
Wenn nun in der Antike und Renaissance dem einzelnen Profil und seiner richtigen, sinngemäßen Anwendung eine nicht unbedeutende Rolle für die Wirkung der Bauformen zugemessen werden muss, so ist dies beim Backsteinbau viel weniger der Fall. Die Hauptsache ist und bleibt hier für den Entwerfenden die Bewältigung, Gruppierung und Gliederung der architektonischen Massen. Wer hierin Gutes leistet, braucht sich keine allzu großen Skrupel zu machen, wenn er einmal ein stilistisch nicht völlig passendes Profil verwendet.
Vor der Verwendung lasse man die Steine, sofern deren Beschaffenheit durch den langjährigen guten Ruf der Fabrik, die sie geliefert hat, nicht zur Genüge bekannt ist, darauf untersuchen, ob sie Natron, Kali, Magnesia, organische Stoffe oder Schwefel enthalten. Diese Stoffe bilden in erster Linie den Nährboden für eine spätere Zerstörung. Die noch notwendigen Stoffe, um mit diesen an und für sich harmlosen Beimischungen schädliche hygroskopische Salze zu bilden, werden von außen her durch den Erdboden, die Luft, das Wasser oder die Umgebung der Steine zugeführt. Wenn vonseiten der Bauleitung so konsequent vorgegangen wird, muss die Ziegelindustrie nach Mitteln suchen, um ihre Erzeugnisse auch in dieser Hinsicht zu verbessern und einen Ziegelstein zu liefern, in dem schädliche Salze überhaupt nicht mehr vorkommen.
Wie viel in dieser Beziehung noch gesündigt wird, können wir leicht beobachten, wenn wir unsere zahlreichen Ziegelrohbauten, namentlich im Frühjahr, aufmerksam betrachten. Wer sich die traurigen, vielfach sichtbaren Wirkungen vergegenwärtigt, den muss es schmerzen, dass oft so viele Mittel für ein bestechendes Äußere verschwendet wurden, während der Kern doch krank ist.
So mannigfaltig die Formen des Backsteinbaus auch sein können, der Techniker ist immer an den vorliegenden Baustoff und die Maße des Steins gebunden. Er muss die ihm dadurch auferlegten Beschränkungen überwinden sowie die Regeln des Steinverbands genau beachten, da deren Nichtbeachtung höchst bedenkliche Folgen nach sich ziehen kann.