Abschnitt 109

2) Anlagen über der Strasse

ca. 7 Min. · 3 Abbildungen · 0 Glossar

503. Einfache Brunnen.

Bei der Wasserversorgung aus einzelnen Straßenbrunnen bestehen die Anlagen über der Straße aus der Brunnenabdeckung und aus der Pumpe mit Pumpenpfosten, Pumpengestell oder Pumpengehäuse. Ziehbrunnen in Städten sind heute Seltenheiten; wie sehr aber solche Ziehbrunnen zur künstlerischen Behandlung sich eignen, zeigen manche noch bestehende Anlagen dieser Art aus dem Mittelalter und der Renaissancezeit.

Bei den Pumpbrunnen befindet sich die Brunnenabdeckung in der Straßenebene unmittelbar über dem Schöpfbrunnen oder, falls die Pumpe nicht lotrecht über dem letzteren liegt und die Hubhöhe den Atmosphärendruck übersteigt, auf dem sog. Beibrunnen. Die aus Steinplatten oder besser aus einem verschließbaren Gusseisendeckel mit Rahmen bestehende Abdeckung soll der Verkehrssicherheit wegen nicht im Fahrwege liegen, sondern in einem seitlichen Fußwege oder in einer Fußweginsel . Auf oder neben der Brunnenabdeckung erhebt sich die Pumpe, am besten an der Kante des Bürgersteiges oder der Fußweginsel , sodass das Tropfwasser unmittelbar in die Straßenrinne fällt und ohne Störung abfließt, insoweit es nicht von einem Kanaleinlauf sofort aufgenommen wird. Das Anbringen der Pumpe an der die Straße begrenzenden Gebäudemauer oder in einer Mauernische ist zwar durch die Rücksicht auf den Verkehr oft begründet, aber wegen des über den Fußweg fließenden Tropfwassers immer misslich. In breiten Straßen mit Baumreihen finden Pumpen einen passenden Platz in der Baumlinie.

Das Gehänge wird an einem gemauerten oder Hausteinpfeiler befestigt, auch in einem schmiedeeisernen Gerüst, in einem Holzkasten oder einer gusseisernen Säule. Aus vergangenen Jahrhunderten besitzen wir auf alten Plätzen und Straßen noch viele massive Pumpenpfeiler, zum Teil von hübschem Aussehen; sie sind im Allgemeinen ebenso wie die hölzernen Gehäuse veraltet. Um den Verkehr so wenig als möglich zu beeinträchtigen, sind gusseiserne Hohlpfosten heute fast allgemein üblich. Unter den Bewegungsarten: Kurbel, Fußhebel und Schwengel, ist letzterer die gebräuchlichste.

504. Straßenbefestigung.

Die Straßenbefestigung soll über den Wasserrohren und Gasrohren keine dicht geschlossene Decke bilden, sondern so beschaffen sein, dass die bei Rohrbrüchen oder Undichtigkeiten entstehenden Entweichungen von Gas oder Wasser sich an der Oberfläche bemerkbar machen, bevor sie in das Innere der Häuser eindringen. Dennoch wird man nicht aus diesem Gesichtspunkte auf Asphalt- oder Holzpflaster , welche auf dichter Betondecke zu verlegen sind, überhaupt verzichten. Aber man wird gut tun, dafür Sorge zu tragen, dass die Bürgersteige neben diesen dichten Pflasterungen ganz oder zum Teil durchlässig hergestellt werden, am besten unter Anwendung einer Mosaik- oder Flachsteinpflasterung in Sand oder eines Belages aus natürlichen oder künstlichen Steinplatten bzw. Plättchen. Dichte Bürgersteige aus Zement oder Asphalt neben einer dichten Dammpflasterung sind jedenfalls nicht unbedenklich.

505. Straßenkappen, Hydranten etc.

Die bis zur Straßenoberfläche hinaufragenden Teile des Stadtrohrnetzes werden durch sog. Straßenkappen verdeckt (vgl. Teil III, Band 4 dieses »Handbuches«). Die Maße und die Gestalt dieser Kappen sollen den Bestandteilen der Straßenbefestigung entsprechen. Während ovale Kappen von beispielsweise 27 × 36 cm Größe in Steinschlagbahnen und Asphaltstraßen unbedenklich sein mögen, sind sie im Stein- oder Holzpflaster wegen des an Steinen und Holzklötzen entstehenden, die Straßendecke schädigenden Verhaues ungeeignet. Hier sind vielmehr rechtwinkelige Straßenkappen , dem Stein- bzw. Blockformat entsprechend und in der Reihenrichtung verlegt, erforderlich. In Bürgersteigen mit diagonal verlaufenden Pflastersteinreihen sind auch die Hahnkappen über Eck zu versetzen und dem Steinformat anzupassen.

Über die Straßenoberfläche ragen die losen oder festen Standrohre zum Anschrauben der Schläuche für Feuerwehr und Straßenbesprengung, ferner Ventilbrunnen, Laufbrunnen und Springbrunnen hervor. Die Hydranten mit festen Standrohren, Überflurhydranten genannt, werden gewöhnlich durch die bereits erwähnten Unterflurhydranten ersetzt, weil erstere für den Verkehr auf der Straße unerwünscht und öfteren Beschädigungen ausgesetzt sind. Bezüglich der konstruktiven Einzelheiten solcher Hydranten und der Ventilbrunnen muss wieder auf Teil III, Band 4 dieses »Handbuches« und auf die einschlägige Sonderliteratur verwiesen werden.

506. Laufbrunnen.

Laufbrunnen, welche ununterbrochen Wasser spenden und infolgedessen einen starken Wasserverbrauch bedingen, erfüllen wichtige Zwecke, sei es, dass sie nur dazu dienen, solchen Wasserbedarf zu liefern, welcher in den Häusern nicht zweckmäßig befriedigt werden kann, sei es, dass sie zugleich eine Zierde der öffentlichen Straßen und Plätze bilden. Zum bloßen Nutzen dienen beispielsweise viele Marktbrunnen, Trinkwasser und Reinigungswasser für den Marktverkehr liefernd; viele Auslaufbrunnen von Quellwasserleitungen in Dörfern und kleinen Städten, wo der müde Wandersmann aus hohler Hand oder mit angekettetem Zinnbecher den kühlen Trank schöpft und abends Frauen und Mädchen das Haushaltungswasser holen; endlich die in englischen und belgischen Städten verbreiteten Tränkebrunnen für Vieh, besonders für Droschkenpferde und Ziehhunde.

In ist ein solcher Tränkebrunnen aus London skizziert. Sowohl das obere für Pferde als auch das untere für Hunde bestimmte Becken besteht nebst den Stützen aus Granitquadern.

Fig. 670: Technische Zeichnung eines kombinierten Tränkebrunnens für Pferde und Hunde aus London.
Laufbrunnen zum Viehtränken in London: Lageplan einer Straßeninselanlage mit Viehtränke- und Trinkbrunnen an der Strand-Straße vor der St.-Marien-Kirche in London.

In dem Aufsatz an einem Kopfende befindet sich der Verschluss- und Stellschieber; der Überlauf des oberen Beckens speist das untere. Für Droschkenhalteplätze sind solche Tränken eine wahre Wohltat.

Einige Laufbrunnen, die zugleich Zierbrunnen sind, wurden im vorhergehenden Halbbande dieses »Handbuches« (Abt. VIII, Abschn. 2) mitgeteilt. Diese Beispiele zeigen, wie die Laufbrunnen in Verbindung mit architektonischen oder figürlichen Werken zu hervorragenden Kunstschöpfungen sich gestalten können, deren Wirkung gerade durch den belebenden Wassersprudel in ansprechendster Weise gesteigert wird. Es liegt nahe, hier auf eine Reihe bekannter Laufbrunnen des Mittelalters und der Renaissance in deutschen und französischen Städten hinzuweisen (besonders in Augsburg, Nürnberg, Braunschweig, Basel, Nancy, Rouen); aber alle Städte der Erde überflügelt in dieser Beziehung Rom. Nicht bloß öffentliche Plätze, auch Straßenschlusspunkte, Straßenecken und ganze Gebäudefronten finden wir dort mit Lauf- (und Spring-)Brunnen geschmückt, oft in riesigen Abmessungen. Pferde und Maulesel schlürfen an den Becken ihren Labetrunk; Helden und Götter zieren den Aufbau. Wie anderwärts Erker, so schmücken hier vier Laufbrunnen Quattro Fontane die Straßenkreuzung in der Nähe des Quirinal, und die Hauptschauseite des Palazzo Poli bildet die figurenreiche Fontana di Trevi. Ihr verwandt, aber weit weniger monumental ist der ebenso bekannte St.-Michaels-Brunnen zu Paris, welcher die 15 m breite, 26 m hohe Schauseite des Eckhauses des Boulevard St. Michel und des Boulevard St. André einnimmt. In ähnlicher Art sind an die Wand eines Eckhauses angelehnt der Molière-Brunnen und der Cuvier-Brunnen zu Paris.

507. Springbrunnen.

Die Unterscheidung zwischen Laufbrunnen und Springbrunnen besteht darin, dass aus ersteren das Wasser unter mäßigem Druck ausläuft, während bei letzteren ein oder mehrere Wasserstrahlen unter einem größeren Druck empordringen. Viele Brunnen, besonders unter den größeren Werken, sind zugleich Lauf- und Springbrunnen.

Die einfachsten Springbrunnen sind diejenigen, die aus einem einzigen, aus der Mitte eines Beckens entspringenden Strahl bestehen. Nach der Höhe des Strahles richtet sich der erforderliche Halbmesser des Beckens, welcher mindestens gleich der Strahlhöhe sein sollte, damit bei leichtem Wind das Wasser nicht über den Rand geweht werde. Bei starkem Wind ist der Zuflussschieber zu schließen. Sowohl um die übergewehten Wassertropfen von der Straße fernzuhalten, als auch des besseren Aussehens wegen pflegt man das etwas vertieft in der Erde liegende Becken mit einem Kranze von Rasen, Blumen und Ziersträuchern zu umgeben, welcher die Tropfen auffängt. Diese Kranzfläche sollte stets von der Umfassung nach dem Becken hin abfallen, damit der auf dem Bürgersteig stehende Beobachter die Pflanzung und den Wasserspiegel von oben voll überschauen kann. Da hochspringende Strahlen sehr große Becken erfordern, für die auf der Straße oder auf freien Plätzen selten ein ausreichender Raum vorhanden ist, so liebt man es, das in der Regel durch Grottensteine verdeckte oder auch figürlich ausgebildete Mundstück des Strahles abwechselnd mit allerlei Aufsätzen zu versehen, welche eine Brause, eine Glocke, ein Strahlenbüschel oder infolge hydraulischer Drehung bewegliche Strahlenfiguren hervorrufen. Bezüglich verschiedener Mundstückkonstruktionen, durch die man bald einen sparsamen Wasserverbrauch, bald besonders gestaltete Wasserstrahlen erzielt, sei gleichfalls auf Teil III, Band 4 dieses »Handbuches« verwiesen.

Von der formalen Ausbildung und von der architektonischen, häufig bis zur Monumentalität gesteigerten Gestaltung der Springbrunnen war bereits im vorhergehenden Halbbande (Abt. VIII, Abschn. 2) die Rede. Zu den zahlreichen dort vorgeführten Beispielen sei hier noch die Gesamtanlage des Springbrunnens auf dem Kaiser-Wilhelm-Ring zu Cöln () hinzugefügt.

Fig. 671.: Lageplan und Grundriss der Springbrunnenanlage auf dem Kaiser-Wilhelm-Ring in Köln im Maßstab 1:500.

Mit der Verbreitung der städtischen Wasserleitungen und dem wachsenden Bestreben, Plätze und Straßen der Städte nach Möglichkeit zu verschönern, kommt auch die alte Freude an künstlerisch ausgebildeten Brunnenwerken wieder zu ihrem Recht. Laufbrunnen und Springbrunnen, breit gelagerte Becken und reich gegliederte Aufbauten werden mit mythologischen Figuren, mit Helden der Sage und der Geschichte in künstlerische Verbindung gebracht. (Vgl. auch den eben gedachten Halbband dieses »Handbuches«.)

Datenansicht

Technische Zeichnung eines kombinierten Tränkebrunnens für Pferde und Hunde aus London.

Fig. 670

Technische Zeichnung eines kombinierten Tränkebrunnens für Pferde und Hunde aus London.

Lageplan einer Straßeninselanlage mit Viehtränke- und Trinkbrunnen an der Strand-Straße vor der St.-Marien-Kirche in London.

Laufbrunnen zum Viehtränken in London

Lageplan einer Straßeninselanlage mit Viehtränke- und Trinkbrunnen an der Strand-Straße vor der St.-Marien-Kirche in London.

Lageplan und Grundriss der Springbrunnenanlage auf dem Kaiser-Wilhelm-Ring in Köln im Maßstab 1:500.

Fig. 671.

Lageplan und Grundriss der Springbrunnenanlage auf dem Kaiser-Wilhelm-Ring in Köln im Maßstab 1:500.