Abschnitt 47

b) Umrahmung

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248. Architektonischer Platzcharakter.

Erst durch die Umrahmung wird aus der freien, unbebauten Fläche ein Platz. Solange die Umrahmung nur eine Linie im Lageplan, eine Einfassungsmauer, eine Pflanzung ist, also nicht den Charakter der architektonischen Wand besitzt, fehlt dem Platze die Eigenschaft des Körperlichen, des Baukünstlerischen.

Die in Kap. 5 besprochenen Straßenkreuzungen, -Erweiterungen und -Vermittelungen gehören hiernach auch vom künstlerischen Standpunkte nicht unter die Stadtplätze, und den in Kap. 6, unter a behandelten Verkehrsplätzen , welche bestimmungsgemäß von vielen Seiten für den durchgehenden Verkehr offen sind, wohnt nur in Ausnahmefällen der architektonische Platzcharakter bei, insofern trotz der Verkehrsdurchbrechung die geschlossene Umrahmung möglichst gewahrt ist; so in , u. durch die geschlossene Bahnhofswand an der einen Langseite, in und besonders in durch die die freie Fläche umschließenden Bogenhallen, endlich in durch den Tor- und Gebäudeabschluss an der einen Langseite und die einfassenden Rampenbauten an den Querseiten. Im allgemeinen ist der von vielen Seiten geöffnete, von Wagen und Fußgängern nach allen Richtungen gekreuzte Verkehrsplatz etwas künstlerisch Unbefriedigendes, etwas Unruhiges und Unbehagliches; die Warnung, solche Plätze — welche die Ursache der mit dem Namen »Platzscheu« belegten modernen Krankheit sein mögen —, besonders die Sternplätze, allzu oft dem Stadtplane einzufügen, wird daher wiederholt gerechtfertigt sein.

249. Schließung der Lücken.

Selbstredend kann die Platzumrahmung nicht vollständig geschlossen sein, da Zugangsstraßen unentbehrlich sind; aber einesteils zeigten uns schon , , u. , wie die über die Straßenmündungen fortgesetzten Kolonnaden oder ein Torbau den Zusammenhang herstellen, und anderenteils kann die Art der Einführung der Straßenrichtungen in den Platz eine solche sein, dass die Umrahmung möglichst wenig zerteilt erscheint, indem der Blick mehr auf die Bauwerke als in die Straßenlücken gerichtet ist ( bis ).

250. Kolonnaden.

Die Kolonnaden sind entweder den Häusern vorgelegt, bzw. in die Untergeschosse der Häuser eingebaut und über die Straßenöffnungen durch weiter gespannte Bogen verbunden, oder es handelt sich um selbständige Säulenhallen, deren Zweck darin besteht, dem Platze eine schmuckhafte Umrahmung zu verleihen. In beiden Fällen pflegen die Hallen zugleich als geschützte Wandelgänge zu dienen. Das großartigste Beispiel der zweiten Art bietet der in (S. 174) dargestellte St. Peters-Platz zu Rom.

251. Torbauten, Gitter, Brüstungen.

Auch die Torbauten bilden entweder Teile der den Platz umgebenden Häuser, wie beim Joseph-Platz in Wien, beim Kerkboog in Nymwegen, bei den Durchfahrten und Durchgängen unter den Rathäusern des Mittelalters und der Renaissance (München, Lübeck, Emden etc.), auch bei der Piazza Grande zu Triest (Fig. 469) und beim Vogesenplatz in Paris (siehe a. a. O.), oder es sind selbständige Bauwerke: Triumphtore, Ehrenpforten, Stadttore. Der Stanislaus-Platz zu Nancy (Fig. 440), der Amalieborg-Platz zu Kopenhagen (Fig. 443), der Karls-Platz und der Königsplatz zu München (Fig. 392 u. 444), der Pariserplatz zu Berlin (Fig. 465) gewähren Beispiele hierfür. Als Umrahmungen eigentümlicher Art sind die schmiedeeisernen Gitter an den Ecken und der östlichen Straßenöffnung des Stanislaus-Platzes, die Brüstungsgeländer des Pariser Eintrachtplatzes (Fig. 451), sowie die Brüstungen an den Querseiten und die Terrasse an der oberen Langseite des Trafalgar-Square zu London () zu bezeichnen. Der Abbruch vieler mittelalterlicher Stadttore war nicht bloß eine Verirrung vom kunstgeschichtlichen Standpunkte der Denkmalpflege aus, sondern ebensosehr deshalb, weil dadurch eine Lücke, ein Nichts geschaffen wurde an Stellen, wo für das Straßenbild, für die Umrahmung vorhandener oder anzulegender Plätze die Geschlossenheit entschieden Bedürfnis war.

Fig. 476: Schematischer Grundriss eines sogenannten Turbinen- oder Windmühlenplatzes.
Fig. 477: Lageplan des Domplatzes in Ravenna im Maßstab 1:2500.
Fig. 478: Schematischer Grundriss der Piazza San Pietro in Mantua mit verdeckten Straßeneinmündungen.

252. Verdeckte Straßenmündungen.

Werden die Straßenrichtungen über die Platzfläche oder neben derselben fortgesetzt, so kommt der Platz selbst wenig zur Geltung. Anders, wenn die Sehrichtung der Straßen an einer Platzwand endigt, der Rahmen also geschlossen erscheint. Die einfachste Anlage dieser Art ist der in Art. 185 (S. 146) schon erwähnte Turbinen- oder Windmühlenplatz (). Zu welchen Anwendungen dieses Schema sich eignet, zeigen aus Ravenna, aus Mantua, aus der Stadterweiterung von Brünn, aus der Stadterweiterung von Marienberg. Verwandt damit ist die Zielrichtung der Straßen auf Platzwandungen in bis aus Luxemburg, Gelsenkirchen und München.

253. Verkleinerung der Straßenlücken.

Ein eigenartiges Mittel, die Lücken der Platzumrahmung möglichst zu verkleinern, findet sich, wie bereits in Art. 202 (S. 159) erwähnt wurde, in einer großen Zahl derjenigen Städte angewandt, die im XIII. und XIV. Jahrhundert in den östlichen Grenzlanden Deutschlands als deutsche Ansiedelungen gegründet wurden, z. B. in Pilsen, Waldenburg i. Schl., Glogau, Posen. Es ist die in nochmals dargestellte Anordnung, nach welcher zwei auf der Platzecke einmündende Straßen nur etwa in halber Breite auf der Platzfläche ihre Fortsetzung finden. Die Eckhäuser a und b sind also in den Straßenrichtungen A und B sichtbar; die Platzwand a c gewinnt an Länge, und die Lücken an den Platzecken werden kleiner. Da die entstehenden Einengungen für den Verkehr hinderlich werden können und die mittelalterlichen Städtebaumeister bei ihren Neuanlagen ästhetische Erwägungen kaum in den Vordergrund stellten, so wird man annehmen dürfen, dass die Erzielung längerer Platzfronten für geschäftliche Zwecke das eigentlich Treibende dieser Anordnung gewesen ist, die aus künstlerischen Gründen Nachahmung verdient, wo der Verkehr es zulässt. Es ist unter Umständen zulässig, zur Verkehrserleichterung die Ecken a und b im Erdgeschoss abzukanten, die

Fig. 479.: Städtebaulicher Grundriss eines Platzes aus Josef Stübbens Stadterweiterungsplan für Brünn mit verdeckten Straßenmündungen.
Fig. 480.: Städtebaulicher Grundrissplan einer Straßenkreuzung bzw. Platzmündung aus Camillo Sittes Stadterweiterungsplan für Marienberg.
Fig. 481.: Städtebaulicher Lageplan eines Straßen- und Platzknotens aus Josef Stübbens Stadterweiterungsplan für Luxemburg.
Fig. 482.: Städtebaulicher Lageplan eines Platz- und Straßenabschnitts aus Joseph Stübbens Stadterweiterungsplan für Gelsenkirchen.
Fig. 483.: Städtebaulicher Grundriss des Anthariplatzes aus Theodor Fischers Bebauungsplan für München.
Fig. 484: Schematischer Grundriss zur Ausbildung von Platzecken und Straßeneinmündungen an Marktplätzen mittelalterlicher Kolonialstädte.
Fig. 485: Schematischer Grundriss zur Ausbildung zurückgezogener Platzecken an einer Straßeneinmündung.
Fig. 486: Städtebaulicher Grundriss einer Straßen- und Platzeinmündung mit gärtnerischer Mittelinsel und Baumbepflanzung.
Fig. 487: Städtebaulicher Grundriss einer Platz- und Straßenknoten-Gestaltung mit integrierter Schmuckanlage aus Stadterweiterungsplänen für Posen oder Gelsenkirchen.
Fig. 488: Städtebaulicher Grundriss eines begrünten Platz- und Straßenknotenpunktes mit Maßangaben der Straßeneinmündungen.

oberen Geschosse aber voll auszubauen. Auch ist die Anordnung in anwendbar, wo die Ecken a, a so weit zurückgezogen sind, dass trotz der Beibehaltung der teilweisen Verdeckung der Straßenlücke der Verkehr eine hinreichend bequeme Einfahrt auf die Platzfläche gewinnt. Neuere Beispiele zeigen bis aus Posen und Gelsenkirchen.

254. Symmetrische und malerische Anordnung von Bauwerken. Die den Platz umrahmenden Gebäude bedürfen eines gewissen harmonischen Zusammenklanges, welcher oft durch eine gleichförmige oder symmetrische Anordnung erzielt ist (Amalieborg-Platz, Vendômeplatz, St. Markus-Platz, Kapitolplatz usw.), aber ebensowohl durch ein malerisches Gleichgewicht verschiedenartiger Einzelgebäude hervorgerufen werden kann, wie es viele mittelalterliche Marktplätze so anmutig zeigen (Lübeck, Bremen, Stralsund, Breslau, Krakau, Brüssel, Veurne, Brügge usw.). Zumeist wird das Rathaus, ein Gerichtsgebäude, eine Kirche das Hauptstück in der Umrahmung bilden, dem die übrigen Gebäude (Zunfthäuser, Wirtshäuser, Wache usw.) sich als zierende Fassung anschließen. Auch ist die Aufstellung zweier verschiedenartiger Hauptgebäude an den einander gegenüberliegenden Platzseiten (Vor- und Rückseite) ohne Schwierigkeit durchzuführen, da sie sich dem Blicke nicht paarweise darstellen.

255. Gepaarte Aufstellung gleichartiger Gebäude. Bedenklich ist dagegen die in neuen Stadtplänen oft zu beobachtende Anordnung in der Weise, dass zwei Bauwerke, beispielsweise zu beiden Seiten der Hauptsehachse oder zusammen eine Platzwand bildend, gepaart nebeneinander erscheinen. Das Bedürfnis nach zwei derartigen gleichwertigen Gebäuden ist, wie schon in Art. 224 (S. 178) erwähnt wurde, ein recht seltenes; es sollte jedenfalls nicht durch den Stadtbauplan künstlich herbeigeführt werden.

256. Verwandtschaft des Stadtplatzes mit dem Binnenhofe. Die wohlüberlegte künstlerische Umschließung der freien Platzfläche ist ein unentbehrliches Mittel, wenn die Aufgabe erfüllt werden soll, trotz der veränderten Gesellschafts- und Verkehrsverhältnisse moderne Stadtplätze wieder auf die künstlerische Höhe antiker Foren und mittelalterlicher Marktplätze zu bringen oder den Schöpfungen der Renaissance gleichzustellen. Sie führt den Platzgedanken auf seinen Ursprung zurück; sie entspricht der Verwandtschaft zwischen dem Atrium des antiken Hauses und dem Forum der antiken Stadt, zwischen dem Binnenhofe der mittelalterlichen Burg oder des Renaissanceschlosses und dem Stadtplatze der Neuzeit. Je mehr diese Verwandtschaft sich ausprägt, umso glücklicher wird die künstlerische Wirkung sein.

Datenansicht

Grundrissplan des Golden-Sporen-Platzes (Guldensporenplein) vor dem Bahnhofsgebäude in Kortrijk.

Fig. 363

Grundrissplan des Golden-Sporen-Platzes (Guldensporenplein) vor dem Bahnhofsgebäude in Kortrijk.

Städtebaulicher Grundrissplan der Piazza Vittorio Emanuele (Viktor-Emanuel-Platz) in Turin.

Fig. 364

Städtebaulicher Grundrissplan der Piazza Vittorio Emanuele (Viktor-Emanuel-Platz) in Turin.

Lage- und Verkehrsplan des Ernst-August-Platzes vor dem Bahnhofsgebäude in Hannover.

Fig. 366.

Lage- und Verkehrsplan des Ernst-August-Platzes vor dem Bahnhofsgebäude in Hannover.

Grundrissplan der Piazza del Popolo in Rom im Maßstab 1:2500.

Fig. 367.

Grundrissplan der Piazza del Popolo in Rom im Maßstab 1:2500.

Lageplan des Bahnhofplatzes vor dem Empfangsgebäude in Straßburg.

Fig. 368

Lageplan des Bahnhofplatzes vor dem Empfangsgebäude in Straßburg.

Städtebaulicher Lageplan des Cavour-Platzes (heute Piazza della Libertà) in Florenz im Maßstab 1:2500.

Fig. 375

Städtebaulicher Lageplan des Cavour-Platzes (heute Piazza della Libertà) in Florenz im Maßstab 1:2500.

Grundriss des Hopfenmarkts in Wismar als Beispiel eines unregelmäßig geformten historischen Verkehrsplatzes.

Fig. 376

Grundriss des Hopfenmarkts in Wismar als Beispiel eines unregelmäßig geformten historischen Verkehrsplatzes.

Städtebaulicher Grundriss des Theodolinden-Platzes als Verkehrsplatz aus der Stadterweiterung von München.

Fig. 380

Städtebaulicher Grundriss des Theodolinden-Platzes als Verkehrsplatz aus der Stadterweiterung von München.

Lageplan des Karl-Felix-Platzes (Piazza Carlo Felice) in Turin mit zentraler Gartenanlage vor dem Hauptbahnhof.

Fig. 395

Lageplan des Karl-Felix-Platzes (Piazza Carlo Felice) in Turin mit zentraler Gartenanlage vor dem Hauptbahnhof.

Grundriss und Lageplan des Petersplatzes vor dem Petersdom in Rom.

Fig. 423.

Grundriss und Lageplan des Petersplatzes vor dem Petersdom in Rom.

Lageplan des Trafalgar Square in London im Maßstab 1:2500.

Fig. 456

Lageplan des Trafalgar Square in London im Maßstab 1:2500.

Lageplan der Piazza Acquaverde in Genua mit Gliederung in Verkehrs- und Denkmalplatz.

Fig. 470

Lageplan der Piazza Acquaverde in Genua mit Gliederung in Verkehrs- und Denkmalplatz.

Schematischer Grundriss eines sogenannten Turbinen- oder Windmühlenplatzes.

Fig. 476

Schematischer Grundriss eines sogenannten Turbinen- oder Windmühlenplatzes.

Lageplan des Domplatzes in Ravenna im Maßstab 1:2500.

Fig. 477

Lageplan des Domplatzes in Ravenna im Maßstab 1:2500.

Schematischer Grundriss der Piazza San Pietro in Mantua mit verdeckten Straßeneinmündungen.

Fig. 478

Schematischer Grundriss der Piazza San Pietro in Mantua mit verdeckten Straßeneinmündungen.

Städtebaulicher Grundriss eines Platzes aus Josef Stübbens Stadterweiterungsplan für Brünn mit verdeckten Straßenmündungen.

Fig. 479.

Städtebaulicher Grundriss eines Platzes aus Josef Stübbens Stadterweiterungsplan für Brünn mit verdeckten Straßenmündungen.

Städtebaulicher Grundrissplan einer Straßenkreuzung bzw. Platzmündung aus Camillo Sittes Stadterweiterungsplan für Marienberg.

Fig. 480.

Städtebaulicher Grundrissplan einer Straßenkreuzung bzw. Platzmündung aus Camillo Sittes Stadterweiterungsplan für Marienberg.

Städtebaulicher Lageplan eines Straßen- und Platzknotens aus Josef Stübbens Stadterweiterungsplan für Luxemburg.

Fig. 481.

Städtebaulicher Lageplan eines Straßen- und Platzknotens aus Josef Stübbens Stadterweiterungsplan für Luxemburg.

Städtebaulicher Lageplan eines Platz- und Straßenabschnitts aus Joseph Stübbens Stadterweiterungsplan für Gelsenkirchen.

Fig. 482.

Städtebaulicher Lageplan eines Platz- und Straßenabschnitts aus Joseph Stübbens Stadterweiterungsplan für Gelsenkirchen.

Städtebaulicher Grundriss des Anthariplatzes aus Theodor Fischers Bebauungsplan für München.

Fig. 483.

Städtebaulicher Grundriss des Anthariplatzes aus Theodor Fischers Bebauungsplan für München.

Schematischer Grundriss zur Ausbildung von Platzecken und Straßeneinmündungen an Marktplätzen mittelalterlicher Kolonialstädte.

Fig. 484

Schematischer Grundriss zur Ausbildung von Platzecken und Straßeneinmündungen an Marktplätzen mittelalterlicher Kolonialstädte.

Schematischer Grundriss zur Ausbildung zurückgezogener Platzecken an einer Straßeneinmündung.

Fig. 485

Schematischer Grundriss zur Ausbildung zurückgezogener Platzecken an einer Straßeneinmündung.

Städtebaulicher Grundriss einer Straßen- und Platzeinmündung mit gärtnerischer Mittelinsel und Baumbepflanzung.

Fig. 486

Städtebaulicher Grundriss einer Straßen- und Platzeinmündung mit gärtnerischer Mittelinsel und Baumbepflanzung.

Städtebaulicher Grundriss einer Platz- und Straßenknoten-Gestaltung mit integrierter Schmuckanlage aus Stadterweiterungsplänen für Posen oder Gelsenkirchen.

Fig. 487

Städtebaulicher Grundriss einer Platz- und Straßenknoten-Gestaltung mit integrierter Schmuckanlage aus Stadterweiterungsplänen für Posen oder Gelsenkirchen.

Städtebaulicher Grundriss eines begrünten Platz- und Straßenknotenpunktes mit Maßangaben der Straßeneinmündungen.

Fig. 488

Städtebaulicher Grundriss eines begrünten Platz- und Straßenknotenpunktes mit Maßangaben der Straßeneinmündungen.