663. Regelmäßige und natürliche Stile.
Bevor wir uns mit der gärtnerischen Behandlung der Plätze weiter beschäftigen, ist es nötig, einen gedrängten Überblick über die verschiedenen Gartenstile zu werfen.
Indem auf die ausführlichere Darstellung dieses Gegenstandes im nächstfolgenden Halbbande dieses »Handbuches« verwiesen wird, sei hier das Folgende vorausgeschickt. Die Gartenstile, welche sich geschichtlich entwickelt haben, sind im Wesentlichen: der arabische (maurische), der römische (italienische), der holländische, der französische, der chinesische und der englische Stil. Die erstgenannten vier Arten nennt man auch regelmäßige, architektonische oder geometrische Stile; die Formen derselben stimmen mit denjenigen der entsprechenden Baustile überein. In gleicher Weise spricht man auch von griechischen, gotischen, besonders aber von Renaissance- und Barock-Gartenanlagen. Einen Gegensatz hierzu bilden der chinesische und englische Gartenstil, die als unregelmäßige oder natürliche bezeichnet und hauptsächlich mit dem Namen »Landschaftsstil« belegt werden, weil sie ihre Formgebung nur nach Rücksichten natürlicher Schönheit richten, indem sie die Natur nachzuahmen und zu idealisieren streben und in erster Linie die Schaffung landschaftlich wirksamer Bilder bezwecken.
664. Beispiele regelmäßiger Gartenkunst.
, dem Tuscum des Plinius entnommen, ist ein Beispiel römischer Gartenkunst; Fig. 928, Teil der Villa d’Este zu Tivoli, möge als Gartenbeispiel der italienischen Renaissance gelten. Regelmäßige, architektonische Linien, Hallen, Brunnen, Nischen, Figuren, Wasserfälle, Terrassen und Freitreppen beherrschen diese Anlagen. Besonders Terrassen und Freitreppen spielen in den Renaissancegärten eine hervorragende Rolle. Baukunst und Gartenkunst durchdringen sich; die Letztere erscheint nicht selbstständig, sondern als Begleiterin der Ersteren.
Der holländische und der französische Gartenstil gehören ebenfalls der Renaissance an, die sich nach der Eigenart der Länder entwickelte. Hier tritt indes die Architektur mehr zurück, und die Gartenkunst wird selbstständiger. Die geraden Linien und geometrischen Figuren der Wege, Baumreihen, Rasenflächen, Kaskaden, Terrassen und Blumenbeete werden beibehalten, in Holland recht steif und wunderlich behandelt, von dem einflussreichen französischen Gartenkünstler Le Nôtre auf die zugestutzten Baumkronen, Strauchhecken usw. übertragen. Viele französische
Gärten zeichnen sich durch großartige Auffassung und edlen Geschmack aus. Dieser im 18. Jahrhundert auch in Deutschland herrschende Stil, der sich schließlich in barocke Spielereien und Sonderbarkeiten verirrte, hat zwar im großen Ganzen der englischen Gartenkunst das Feld räumen müssen, findet aber doch noch gelegentliche Anwendung im Großen und eignet sich, in moderner Form und unter Fortlassung des Unnatürlichen, besonders für unsere kleineren städtischen Schmuckanlagen . Seine schönste Zier sind die sogenannten Parterres (waagerechte regelmäßige Rasen- und Blumenfelder1), Teppichbeete , Bordüren , Blumen- bzw. Rosengärten, Rundteile usw. Wegen der Wichtigkeit dieser Ziermittel für städtische Plätze sind in bis mehrere ältere und neuere Parterres und Teppichbeete dargestellt und erläutert. zeigt einen Blumengarten als Rundstück; bis sind Randmuster (Bordüren ); stellt den Rosengarten beim Marmorpalais zu Potsdam dar, eine regelmäßige Beetanlage mit einem erhöhten Umgang.
Die Teppichbeete werden oft mit starkem Relief in Form von flachen Kegeln, Wappenschildern, Kartuschen und dergleichen reich und kostbar ausgebildet.
665. Englische Gartenkunst. Die englische Gartenkunst, welche ihr Entstehen zum Teil dem Studium der alten, labyrinthisch verschlungenen Gartenanlagen Chinas verdankt, ist von der
Entworfen von Strauß. (Vgl. , S. 166.)
Bepflanzung des Friesenplatzes zu Cöln.
(Maßstab 1:500)
- $a.$ Rundteil mit Ziergehölz.
- $b.$ Efeustreifen, dazwischen Blumen, das Ganze nach der Mitte ansteigend.
- $c.$ Blattpflanzen.
- $d.$ Hochstämmige Rosen, verbunden durch Klematisgirlanden.
- $e.$ Bedürfnisanstalt (nicht ausgeführt), umgeben von Ziergesträuch.
- $f.$ Bank.
- $g.$ Linden.
- $h.$ Einfriedigung.
- $i.$ Kiesweg.
Architektur unabhängiger. Was sie zu schaffen beabsichtigt, ist die Nachbildung oder die künstlerische Verschönerung der Natur. Sie ist unter der Führung des Fürsten Pückler-Muskau auch die Grundlage der heutigen deutschen Landschaftsgärtnerei geworden. Auch sie ist oft mit Werken der Bau- und Bildhauerkunst vereinigt; aber hier ist im Gegensatz zu den italienischen Gärten die Architektur und Skulptur der Gartenkunst dienstbar: Pavillons, Lauben, Statuen, Springbrunnen usw. dienen zur Belebung der Landschaft. Nur in der Umgebung des Hauptgebäudes
Bepflanzung eines Schmuckplatzes zu Cöln.
(Maßstab $\frac{1}{750}$ w. Gr.)
Entworfen von Kowallek.
- $a.$ Hochstämmige Rosen auf einem Streifen von Kriechrosen.
- $b.$ Mahonien.
- $c.$ Rhododendron. (Die sonstigen Sträucher sind immergrüne Pflanzen bzw. Koniferen.)
- $d.$ Platanen.
- $e.$ Baum mit Kreisbank.
- $f.$ Vertiefter Mittelspiegel.
- $g.$ Eiserne Umzäunung.
(des Schlosses, des Konzerthauses usw.) geht die Landschaft in den Blumengarten (Pleasure-ground) und strengere Linienteilung über. Teile englischer Parkanlagen im sog. modernen Stil zeigen uns u. , sowie die umstehende Tafel,
Ovaler Gartenplatz2.
(Maßstab 1:250)
Bepflanzung eines rechteckigen öffentlichen Platzes im regelmäßigen Stil2.
- $1—6.$ Sitzplätze.
- $a.$ Blattpflanzen und immergrüne Sträucher.
- $b.$ Ganz niedrige Hecke.
- $c.$ Zierstücke aus Singrün und Efeu.
- $d.$ Mittelgruppe.
während eine Blumenanordnung aus einem Pleasure-ground darstellt. Auf der nebenstehenden Tafel liegt das Hauptgebäude erhöht und gewährt einen Überblick über den ganzen Park; der Blumengarten ist durch eine 2 m hohe Hecke abgetrennt, welche an denjenigen Stellen, wo Durchsichten sich befinden, auf 50 bis 60 cm erniedrigt und im Übrigen möglichst durch Pflanzungen von außen verdeckt ist; die Sitzplätze sind durch Hainbuchenhecken umschlossen und zur Aufstellung von Vasen, Hermen und anderen Bildwerken geeignet.
Bepflanzung des Vorplatzes der Garnisonkirche auf der Helenen-Insel zu Straßburg.
(Maßstab 1:250)
Footnotes
- Dieses Wort Parterre bedeutet nicht etwa »Erdgeschoss« oder zu »ebener Erde«, sondern ist abgeleitet vom lateinischen Worte partiri (d. h. teilen), heißt also so viel wie »eingeteilte Fläche«. ↩
- Redaktioneller Hinweis: Im Originalwerk verweist die hochgestellte Zahl „121)“ auf eine entsprechende Anmerkung oder Literaturstelle im Handbuch. ↩ ↩2

























