Abschnitt 120

3. Kap. Sonstige Versorgungsleitungen

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539. Verschiedene Leitungsnetze.

Außer den in die Straßen versenkten Leitungen für die Wasserversorgung, Entwässerung und Beleuchtung finden wir in manchen Großstädten infolge der fortschreitenden Bedürfnisse unserer Zeit noch mehrere andere unterirdische Leitungsnetze zur Beförderung von Wasserdampf, Wassergas, Heißwasser, Pressluft, Elektrizität. Zweck dieser Leitungen ist teils die Versorgung der Stadt, und zwar der Gebäude, mit Wärme oder mit Kraft, teils der Post-, Telegrafen- und Fernsprechverkehr. Zur Wärmeversorgung, d. h. Heizung, dienen neben dem Leuchtgase die Dampf-, Wassergas- und Heißwasserleitungen; zur Kraftversorgung werden außer dem Leuchtgase und dem Druckwasser Dampf-, Pressluft- und Elektrizitätsleitungen benutzt; die beiden letztgenannten Leitungen dienen schließlich auch dem Postverkehr, dem Fernsprechwesen und der Telegrafie. Leuchtgasleitungen und Elektrizitätsleitungen für Licht- und Kraftversorgung sind bereits im vorigen Kapitel besprochen worden. Einige Mitteilungen über Zentral-Dampf-, Wassergas-, Heißwasser-, Pressluft- und Telegrafenleitungen mögen hier Platz finden.

540. Zentraldampfleitungen.

Städtische Zentraldampfleitungen sind besonders in New York ausgeführt. Von einer Zentralstelle aus, welche mit 64 Röhrenkesseln in vier Stockwerken ausgestattet ist und stündlich 3400 kg Wasser in Dampf von 6 Atmosphären Spannung zu verwandeln vermag, werden 10 oder mehr umfangreiche Bezirke mit Dampf versorgt.

Für die Größe der Bezirke ist maßgebend, dass die einzelnen Zweigleitungen nicht länger als 1200 m werden. Die Röhrenleitungen, welche aus Dampfröhren und Rücklaufröhren für das Kondensationswasser bestehen, liegen der Tiefe nach zwischen den Leitungen der Gas- und der Wasserversorgung; trommelartige, mit gewölbten Kupferblechböden geschlossene »Variators« ermöglichen die Längenveränderungen; der Wärmeverlust wird durch Einbettung der Röhren in ausgehöhlte Baumstämme und Umpackung mit Schlackenwolle vermindert. Für weite Röhren werden die Holzmäntel durch Mauerwerk ersetzt; an Biegungen, Abzweigkästen, Sperrschiebern und Variatortrommeln ist kräftige Verankerung nötig. Die 15 bis 40 cm weiten Röhren bestehen aus Schmiedeeisen; die Kupplung geschieht bei kleinen Röhrenweiten durch Aufschrauben von Muffen, bei den größeren Weiten, für welche beste Kesselröhren verwendet werden, durch Einpressen des einen Röhrenendes in den Flansch des anderen und Einschieben eines gewellten Kupferblechringes zur Dichtung.

Auch zu Feuerlöschzwecken sollen diese Zentraldampfleitungen benutzt werden, indem man entweder in gewissen Häusern Dampfpumpen aufstellt, welche jederzeit sofort angeschlossen und in Tätigkeit gesetzt werden können, oder indem man, ähnlich den Hydranten der Wasserleitung, Straßenpfosten zur Dampfentnahme für die Speisung von Dampfspritzen anordnet, oder endlich indem man den Dampf unmittelbar in geschlossene, brennende Räume einleitet.

Außer New York, wo die Zentraldampfversorgung für Heiz-, Koch-, Kraft- und Feuerlöschzwecke große Fortschritte zu machen scheint, besitzen ähnliche Veranstaltungen die amerikanischen Städte Springfield, Dubuque, Denver, Hartford u. a. Die älteste dieser Anlagen ist die von Birdsill Holly im Jahre 1877 in der Stadt Lockport ausgeführte Zentraldampfleitung, welche nur Heizungszwecken dient, über 7 km lang ist und mittels eigentümlicher Registriervorrichtungen mehr als 200 Häuser versorgt1.

541. Wassergas.

Die Dampfheizung von Lockport war überhaupt die erste Städteheizung der Welt. In neuerer Zeit gehen die Bestrebungen mehr dahin, das Wassergas als Material für Städteheizung einzuführen, da das Leuchtgas sich hierfür als zu kostspielig erwiesen hat und die für Leuchtgasheizung konstruierten Gasöfen, Gaskamine und Gasherde sich noch wenig bewährt haben. Das Wassergas ist ein vorwiegend aus Wasserstoff und Kohlenoxid bestehendes Gasgemenge, welches man erhält, indem man Wasserdampf über glühende Holzkohlen, Koks oder Braunkohlen leitet und das sich bildende Gasgemisch durch Kalk von der Kohlensäure befreit. Dass indes die Städteheizung mittels Wassergas eine große Zukunft hat, ist wenig wahrscheinlich, obschon die Amerikaner sich dieses Mittels eine Zeitlang in ausgedehntem Maße bedient haben.

542. Heißwasser.

Ein Beispiel der Städteheizung mit heißem Wasser bietet Boston. Wasser von durchschnittlich 200 Grad Wärme wird durch Pumpen in das Ringlaufnetz der 10 cm weiten Straßenleitungen getrieben. Die nach den Häusern abzweigenden Röhren geben das gebrauchte Wasser an eine gleichfalls ringförmige, 20 cm weite Rückleitung ab. Beide Leitungen liegen auf Rollen in gemauerten Kanälen und können sich in Stopfbüchsen ausdehnen. Die Wärmelieferung ist ergiebiger als bei Dampfleitungen; aber der hohe Betriebsdruck von 25 Atmosphären und die hohe Temperatur sind nicht unbedenklich2.

543. Pressluft.

Pressluftleitungen zur Verteilung von Kraft in Städten haben manche Vorteile gegenüber Gas-, Wasser-, Dampf- und Elektrizitätsleitungen, besonders in sicherheitlicher und gesundheitlicher Beziehung. Die Druckluft ist verwendbar in Fabriken, in Werkstätten, auf Bauplätzen, in der Haushaltung, zum Feuerlöschen, zur Lüftung und Kühlung; sie verbreitet keine lästigen Nebenprodukte, kein störendes Geräusch und ist leicht verteilbar. Paris, Birmingham und Offenbach sind als Städte bekannt, in denen zentrale Luftdruckversorgungen zur Ausführung gekommen sind. Die anfangs erhoffte glänzende Entwicklung ist aber ausgeblieben.

544. Telegrafenleitungen.

Telegrafenleitungen in Städten haben mehrfache Zwecke zu erfüllen. Sie dienen nicht bloß der allgemeinen Posttelegrafie, sondern auch dem besonderen Nachrichtenwesen für die Feuerwehr, für militärische und Gemeindebehörden. Hauptstraßen sind daher oft von drei- oder viererlei Telegrafenkabeln durchzogen. Das oberirdische Anbringen solcher Leitungen in Form einzelner Drähte an hölzernen oder schmiedeeisernen Stangen und Gerüsten ist zwar entlang von Eisenbahnen und Landwegen zulässig, wenn auch weniger als die für Hauptkabel stets vorzuziehende unterirdische Lagerung; dagegen sind in Städten die Drahtleitungen an leichten, hübschen Eisengerüsten nur ausnahmsweise als statthaft zu betrachten; das unterirdische Verlegen ist hier sowohl im Interesse des Straßen- als des Telegrafenverkehrs dringend zu empfehlen.

Die Drähte werden, mit den erforderlichen Isolierungen zu einem oder mehreren Kabeln vereinigt oder als einfache Guttaperchaadern ohne Panzerung lose nebeneinander liegend, innerhalb gusseiserner Röhren von 80 bis 150 mm Durchmesser in ungefähr 1 m Tiefe unter dem Straßenpflaster oder dem Bürgersteig verlegt. An den durch die Straßenrichtung veranlassten Knickpunkten werden die Röhren in gemauerte, mit gusseisernen Deckeln in der Straßenoberfläche versehene Schächte eingebaut, in welchen die Kabel oder Adern lose aufgehängt werden. In jeder Röhre liegt ein starker verzinkter Eisendraht, um beschädigte Kabel oder Adern auswechseln, neue einziehen zu können. Die Schächte werden zugleich für die Untersuchung der Leitung bei Störungen benutzt. Das Verlegen der Kabel ohne Röhren unmittelbar in den Straßenkörper ist nicht empfehlenswert, weil einesteils die Kabel bei Straßenbauarbeiten leicht Beschädigungen ausgesetzt und anderenteils häufige Straßenaufbrüche zur Untersuchung, Auswechslung und Vermehrung der Kabel unvermeidlich sind. Für ausnahmsweise ohne Schutzröhren verlegte Kabel sind geräumigere Untersuchungsschächte erforderlich.

545. Feuermelder und Feuerwehrstationen.

Für den Feuerschutz sind über der Straße Feuermelder nötig, welche in Abständen von 500 bis 600 m, so dass überall eine Feuermeldestelle von jedermann in 2 bis 3 Minuten erreicht werden kann, an Gebäuden oder in selbständigen kleinen Gehäusen aus Guss- und Schmiedeeisen angebracht werden. Den üblichen Londoner Feuermelder, schlicht und formlos, zeigt ; ein herauszuziehender Knopf vollzieht die elektrische Meldung des Brandes nach der Feuerwache. Mehr ausgebildet ist der in dargestellte Kölner Feuermelder; hier ist vorher eine Glasscheibe zu zertrümmern, um durch Anziehen eines Hebels das gewünschte Zeichen zu geben. Bei Ruhestrom wird durch Unterbrechung des Federkontaktes mittels Bewegung eines Triebwerkes und eines entsprechend hergerichteten Typenrades im Feuermelder das Feuerzeichen hervorgerufen und in der Feuerwache auf dem Papierstreifen des Morse-Apparates aufgeschrieben.

Fig. 761.: Technische Aufriss- und Seitenansichtszeichnung einer freistehenden Londoner Feuermeldersäule.
Fig. 762.: Historischer Außengußeisen-Feuermelder der Stadt Köln mit Rückansicht und Detail der Vorderseite.

Feuerwehrstationen nach Londoner Art, aus Wellblechhäuschen, Brandleitern und sonstigen Geräten bestehend, welche in der Mitte breiter Straßen oder auf freien Plätzen in beträchtlicher Zahl aufgestellt sind, sind auf dem Kontinent nicht beliebt. Hier pflegen eine Hauptfeuerwache und die erforderlichen Zweigwachen in verschiedenen Stadtvierteln verteilt zu sein.

546. Fernsprechleitungen.

Fernsprechleitungen wurden auf dem Lande und in den europäischen Städten bisher fast ausschließlich oberirdisch an Gestängen, welche entlang der Wege, und an Gerüsten, welche auf Dächern hoher Gebäude errichtet sind, aufgehängt. Manchen Bauwerken dienen diese Telefongalgen mit ihren Drahtnetzstrahlen geradezu zur Unzierde. Aus Rücksichten der Schönheit, mehr aber noch der Betriebssicherheit, hat das unterirdische Verlegen der Fernsprechleitungen, welches in amerikanischen Städten obligatorisch ist, auch bei uns Eingang gefunden. Für ihr Verlegen gilt das bezüglich der Telegrafenleitungen Gesagte. Schutzröhren und Untersuchungsschächte sind auch hier unentbehrlich. Gemeinschaftliche Röhren für Leitungen verschiedener Verwaltungen und verschiedener Art sind im Interesse des Straßenbaues zu wünschen, im Hinblick auf Betriebsunzuträglichkeiten aber nicht unbedenklich.

Je mehr übrigens die Zahl der Leitungen aller Art wächst, welche im Straßenkörper unterzubringen sind, desto wichtiger wird die Frage nach tunnelartigen Untergrundwegen (Subways), welche bereits in Art. 502 (S. 421) angeregt wurde.

Footnotes

  1. Über Zentraldampfheizungen siehe auch: Deutsche Bauz. 1881, S. 76. — Centralbl. d. Bauverw. 1881, S. 374; 1883, S. 128, 76; 1884, S. 99. — Wochbl. d. öst. Ing.- u. Arch.-Ver. 1884, S. 87. — Scientific American, Bd. 45, S. 319. — Techniker 1883, S. 65; 1884, S. 92. — Transactions of the American institute of mining engineers, Bd. 13. — Rohrleger 1879, S. 205. — Maschinenb. 1879, S. 41.
  2. Über zentrale Heißwasserheizung siehe auch: Abot, A. V. Town heating by hot water. A description of the plant of the Boston heating company. Engng., Bd. 48, S. 259 — ferner: Zeitschr. d. Ver. deutsch. Ing. 1889, S. 538. — Siehe weiter: Beheizung ganzer Stadtteile: Centralbl. d. Bauverw. 1890, S. 412.

Datenansicht

Technische Aufriss- und Seitenansichtszeichnung einer freistehenden Londoner Feuermeldersäule.

Fig. 761.

Technische Aufriss- und Seitenansichtszeichnung einer freistehenden Londoner Feuermeldersäule.

Historischer Außengußeisen-Feuermelder der Stadt Köln mit Rückansicht und Detail der Vorderseite.

Fig. 762.

Historischer Außengußeisen-Feuermelder der Stadt Köln mit Rückansicht und Detail der Vorderseite.