215. Forderungen. Der Bauplatz eines monumentalen Gebäudes ist so zu bestimmen, dass aus der Nähe das Bauwerk ohne Mühe als ein einheitliches Bild zu übersehen ist, dessen Einzelheiten hinreichend erkennbar sind, dass aber auch aus angemessener Entfernung der Bau in vorteilhafter Perspektive erscheint und zur näheren Besichtigung einlädt, beides jedoch, ohne die Verkehrsbewegungen zu stören.
Daraus folgt die Unzulässigkeit, Bauten von hervorragender Bedeutung ohne Auszeichnung in der Reihe der übrigen Häuser in die gewöhnliche Straßenfluchtlinie zu setzen. Es ist ein Zeichen eines mangelhaften Stadtplanes, wenn man sich notgedrungen zu einer solchen unkünstlerischen Anordnung entschließen muss. Ein gutes Auskunftsmittel ist, das Hauptgebäude von der Straßenlinie zurückzuziehen und durch Seitenflügel, welche bis zur Fluchtlinie vortreten, die Nachbarbauten zu verdecken (z. B. Vorplatz des Palazzo Pitti zu Florenz, Vorplatz der Kirche San Carlo zu Mailand ). Bei Herrschaftshäusern wird, namentlich in Frankreich, diese Bauart derart angewendet, dass der zwischen den Flügeln verbleibende Platz durch einen geeigneten Abschluss von der Straße getrennt und so ein Ehrenhof (Cour d’honneur) gebildet wird. Ähnliche Anordnungen zeigen u. ); in ist der Vorplatz zur Betrachtung der Kirche aus der gegenüberliegenden Straßenseite ausgeschnitten.
Ungleich vorteilhafter aber ist die Erscheinung des Bauwerkes, wenn es an oder auf einem freien Platze von angemessener Größe und zugleich in geeigneten Beziehungen zu den hier mündenden Straßen steht. Nur bei solcher Platzwahl kann dem Beschauer die Betrachtung aus der Nähe und der Blick aus der Ferne in befriedigender Weise gesichert werden.
216. Größe. Die Vorplätze sind nur geeignet, die eine Seite des Gebäudes, die Hauptansicht, zur Geltung zu bringen; ihre Größe richtet sich nach diesem Zwecke. Im Allgemeinen wird man annehmen dürfen, dass die Tiefe des Vorplatzes mindestens gleich der Höhe des Gebäudes sein, besser aber das Anderthalb- bis Zweifache derselben betragen soll1.
217. Beispiele. Als Beispiele mögen die schon genannten Bahnhofsvorplätze von Kortrijk, Hannover und Straßburg (, u. ), ferner der Appellhofplatz zu Köln () und der St. Moritz-Platz zu Lille () dienen; die Letzteren beiden sind für die Betrachtung der mächtigen Bauwerke entschieden zu beschränkt. Von günstigeren Abmessungen sind die Piazza Colonna zu Rom, mit der Säule des Marc Aurel geschmückt (), und die Piazza Santa Croce zu Florenz (). Der Luisen-Platz zu Wiesbaden () würde für die Hoffmann'sche Kirche schon reichlich groß sein, wäre er nicht durch den Waterloo-Obelisken geteilt und mit gärtnerischen Anpflanzungen versehen.
Der große Platz vor dem Dome zu Mailand (siehe Fig. 107, S. 67) macht, obwohl er nachträglich mit dem Viktor-Emanuel-Denkmal und Anpflanzungen geschmückt wurde, einen sehr weiträumigen Eindruck und ist schon übertrieben groß. Schöner und anziehender ist jedenfalls der durch Werke der Bildhauerkunst gezierte, von Balustraden umrahmte Domplatz zu Palermo. Ein Vorplatz schönster Art ist derjenige an der Dreifaltigkeitskirche zu Paris (); mehrere Meter erhebt sich die den Platz umfassende Auffahrtsrampe über die Straßenfläche: stolz wächst das Bauwerk empor, zugleich den Schlusspunkt der Straße Chaussée d'Antin bildend. Die monumentalste Platzanlage dieser Art ist unstreitig der St. Peters-Platz zu Rom (), mit Einschluss der Piazza Rusticucci und der Säulengänge 340 m lang und 240 m breit! Die Verhältnisse sind gewaltig, aber kaum übertrieben zu nennen.
Der Platz besteht aus drei Teilen, der schon genannten, von Wirtschaften und Läden umgebenen Piazza Rusticucci, dem großen, von den Bernini'schen Säulenhallen umgebenen Oval
und dem eigentlichen Kirchenvorplatz, einem nach der Kirche hin sich erweiternden, von geschlossenen Hallen eingefassten Viereck. Der Boden des Ovals senkt sich sanft nach der Mitte hin, wo der berühmte Obelisk auf einem Stufenbau aufgerichtet ist, von vier Kandelabern umgeben. Seitlich, gewissermaßen in den Brennpunkten, richtiger in den Sehnen der Säulengänge, werfen die doppelgeschossigen, ehernen Springbrunnen ihre mächtigen Wassergarben. Die Steigung setzt sich von der Mitte des Ovals in der Querachse fort bis zu den Freitreppenstufen, die zunächst auf eine Vorhöhe, dann erst zur Vorhalle des Domes hinaufführen. Steigend, wie die Ebene des Vorplatzes, sind auch die Horizontalgesimse der umrahmenden Hallen angeordnet, so dass der Blick des Beschauers überall zu den Toren des ersten Tempels der Christenheit hinaufgeleitet wird!
218. Hohe Lage der Bauwerke. Sowohl die Dreifaltigkeitskirche zu Paris als auch der St. Peters-Dom zu Rom sind uns lehrreiche Beispiele für die ästhetische Forderung, dass der Boden für ein monumentales Bauwerk sich über die umgebenden Flächen erheben soll. An den Dom und die Severikirche zu Erfurt, an die Akropolis zu Athen, an die Villa d'Este zu Tivoli, an die Kirchen Santa Maria Maggiore und Santa Trinità dei Monti zu Rom, an die Votivkirche auf dem Montmartre und an den Trocadéro-Palast zu Paris, an die Wallfahrtskirchen auf den Höhen bei Lyon und Marseille, an den Justizpalast zu Brüssel, an den Bundespalast zu Bern und an die Hofburg zu Ofen soll hier wenigstens erinnert werden. Monumentale Bauwerke gehören auf die Höhen, öffentliche Gärten in die Täler oder Mulden des Stadtplanes!
Footnotes
- Vergl. das nächste Kapitel (unter c). ↩













