Abschnitt 39

2) Bebaute Plätze

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219. Eigenschaften und Forderungen. Bei Anlage eines besonders betonten Vorplatzes vor einem Gebäude werden die anderen Seiten des Letzteren überhaupt vernachlässigt (wenn sie zwischen fremden Grundstücken eingebaut sind), oder sie werden doch untergeordnet behandelt (wenn sie von schmalen Straßen oder Gassen umschlossen sind). In dem Bestreben, ein Gebäude von mehreren oder allen Seiten derart frei aufzustellen, dass die Architektur betrachtet werden kann, gelangt man zu denjenigen Platzanlagen, welche wir oben als bebaute Plätze bezeichnet haben. Das Verlangen geeigneter Abstände zur Betrachtung aus der Nähe sollte hier möglichst für alle freien Seiten des Bauwerkes gelten; die Forderung der wirksamen Erscheinung aus der Ferne und der erhöhten Lage wird man gern auf die Hauptrichtungen beschränken. Meistens handelt es sich dabei um Kirchen, Theater und Museen, für die eine von drei oder vier Seiten freie Stellung mehr oder weniger nötig oder erwünscht ist und welche auch an sich wegen ihrer architektonischen Bedeutung einen vornehmen Bauplatz beanspruchen. Da es in einem fertig angelegten Stadtplane außerordentlich schwer und oft unmöglich ist, solche Bauplätze nachträglich zu schaffen — Berlin ist hierfür ein warnendes Beispiel —, so ist es, wie schon in Abschn. 1, Kap. 3 erörtert wurde, bei Aufstellung eines Bebauungsplanes eine der vornehmsten Pflichten, auch für die Schaffung angemessener Bauplätze für öffentliche Gebäude auf und an freien Plätzen Sorge zu tragen.

220. Notbehelfe. Wie man sich hat behelfen müssen, um für das Lessing-Theater in Berlin und die neue reformierte Kirche zu Barmen eine freie Baustelle zu gewinnen, zeigen u. . Nur die Notlage, ein freistehendes Bauwerk in einem Stadtteile errichten zu müssen, in dessen Straßenplan dieses Bedürfnis nicht vorgesehen war, kann für eine solche Anordnung als Entschuldigung dienen, da die Verunstaltung des Gesamtbildes durch die Giebelmauern und Hintergebäude von Nachbargrundstücken kaum abwendbar erscheint.

In ähnlicher Art, aber besser, ist die Johannis-Kirche zu Kopenhagen auf der Blockecke anscheinend nachträglich angeordnet worden (). Die den Hintergrund bildende Nachbargrenze ist hier durch Anpflanzungen verdeckt, wäre aber zweckmäßiger durch eine mit der Kirche verbundene oder doch auf sie abgestimmte Baugruppe gebildet worden.

Fig. 424.: Lageplan des Ulmer Münsterplatzes mit dem freistehenden Münster und den umgebenden Baublöcken.
Fig. 425.: Lageplan des Münsterplatzes mit dem Freiburger Münster in Freiburg im Breisgau im Maßstab 1:2500.

221. Restblöcke als Bauplätze. Es genügt nicht, zufällig im Straßennetz sich ergebende Restflächen als Bauplätze öffentlicher Gebäude zu bestimmen, wie dies bei der Bethlehem- und der Dreifaltigkeitskirche in Berlin () geschehen ist – ohne axiale Beziehung oder sonstige ästhetische Rücksicht. Wie aber ein solcher Restblock, der sich oft bei spitzwinkligen Straßendurchschneidungen bildet, in vorzüglicher Weise für einen Monumentalbau genutzt werden kann, wenn man seine Lage und Gestaltung nicht dem Zufall überlässt, zeigt . Die Pariser Kirche St. Augustin liegt nicht bloß frei, sie steht auch in der Achse und auf der Höhe des Boulevard Malesherbes, und für die Betrachtung aus der Nähe bildet der Square Delaborde einen schönen Vordergrund.

222. Unvollkommene und bessere Bauplätze. Eine ebenso wirksame Anordnung eines monumentalen Bauplatzes haben wir bereits in (S. 50), das Pariser Opernhaus darstellend, mitgeteilt. Als ungeschickte, weil den Verkehr störende Bauplätze haben wir den Karolinen-Platz zu Wien (, S. 51) und den Rathausplatz1 zu Philadelphia () bezeichnet. Selbst die Piazza Castello zu Turin ist trotz ihrer großen Abmessungen in dieser Hinsicht zu tadeln, weil das Gebäude den Verkehrsrichtungen einen zu großen Zwang auferlegt. Diesen Mangel besitzt in gewissem, wenn auch erträglichem Grade der Platz im Zuge der Landshuter Straße zu Schöneberg (). Dagegen ist bei der Christuskirche zu Cöln () und dem in dargestellten Kirchplatz zu Kiel eine freie Achsenstellung erreicht worden, ohne dem Verkehr Zwang anzutun.

Für die Umgebung monumentaler Bauwerke sind allzu große Enge und allzu große Weite gleichermaßen zu vermeiden. Beispiele beider Arten sind nicht selten. Die Einengung sucht man vielfach durch den Abbruch zu nahe stehender Baulichkeiten zu beseitigen; derartige Freilegungen sind gefährlich und führen leicht zu Übertreibungen (vgl. Kap. 8 dieses Abschnittes), sodass sich der entgegengesetzte Übelstand, eine nachteilige Leere der Umgebung, geltend macht, die das Bauwerk klein erscheinen lässt. Den Eindruck der Öde sucht man in solchem Falle durch Anpflanzungen, Teilung der freien Fläche sowie Errichtung von Bildwerken und Zierbauten zu mildern. Ein Beispiel hierfür ist der Belle-Alliance-Platz zu Berlin (siehe ), durch dessen Umgestaltung das früher ungünstig auffallende Missverhältnis zwischen der dünnen Säule und der großen freien Fläche erheblich verbessert wurde. Vielleicht leidet auch der Feuerseeplatz zu Stuttgart () im Verhältnis zur Johanniskirche an einem zu großen Maßstab. Die die Votivkirche zu Wien umgebenden Platzflächen dürften schon die Grenze des Zulässigen überschreiten (vgl. ).

Fig. 426: Lageplan des Lessing-Theaters in Berlin auf einem dreieckigen Restgrundstück an Spree und Stadtbahnviadukt.
Fig. 427: Lageplan des St. Johannis-Platzes mit der St. Johannis-Kirche in Kopenhagen im Maßstab 1:2500.

223. Erwägungen beim Entwurf des Stadtplanes. Es ist natürlich schwierig, beim Entwurf des Stadtplanes von vornherein Maßstabsfehler zwischen den freien Plätzen und den darauf zu errichtenden Gebäuden zu verhüten, wenn man Letztere noch nicht kennt. Viele Fehler werden aber vermieden, wenn der Entwerfer nur die Abmessungen des Platzes, wie er sie festlegt, mit der Größe des Gebäudes, wie er sie sich denkt, in Einklang bringt;

Fig. 428: Lageplan des Kirchenplatzes an der Landshuter Straße in Schöneberg bei Berlin.
Fig. 429: Lageplan des Kirchenplatzes in Kiel mit frei stehendem Kirchenbaukörper und umgebendem Straßennetz.

das Weitere muss er dann in der Regel einer vernünftigen Handlungsweise Anderer in der Zukunft überlassen.

Fig. 430: Lageplan des Bauplatzes der neuen reformierten Kirche zu Barmen im Maßstab 1:1250 mit umgebendem Straßennetz und Grünanlage.

224. Nachzuahmende Beispiele. Als schöne bebaute Plätze seien schließlich noch genannt: der Madeleine-Platz zu Paris, der Domplatz zu Orléans, der Münsterplatz zu Reims, der Thomaskirchplatz und der Michaelskirchplatz zu Berlin – alle mit axialen Beziehungen und hinreichend freier Umgebung; ferner die Münsterplätze zu Ulm () und zu Freiburg i. Br. (). Überraschend wirkt in Freiburg der Blick aus der Kaiserstraße durch die kurze Münstergasse auf den mächtigen Turm; Ähnliches ist beim Straßburger Münster der Fall. Der Domplatz zu Cöln ist zwar durch die ausgeführten Freilegungen in passende Verhältnisse zu dem riesigen Bauwerk gebracht worden; aber es fehlt eine künstlerische Ausbildung der so geschaffenen Umgebung.

Einen besonderen Rang unter den bebauten Plätzen nimmt der Gensdarmenmarkt zu Berlin ein (), insofern als er nicht einem einzelnen Gebäude, sondern dreien als Bauplatz dient. Im Allgemeinen ist die Bildung des Platzes durch Freilassung dreier nebeneinanderliegender rechteckiger Baublöcke keineswegs musterhaft. Auch darf der Entwerfer eines Stadtplanes der sich leicht aufdrängenden Versuchung, einen Platz zu schaffen, dessen Bebauung nur mit zwei gleichwertigen Gebäuden oder mit einer Gruppe von Gebäuden erfolgen kann, nur dann nachgeben, wenn dieses seltene Bedürfnis wirklich vorliegt. Am Berliner Gensdarmenmarkt muss man aber rühmend anerkennen, dass seine Abmessungen zu den drei Gebäuden vortrefflich passen.

Fig. 431: Städtebaulicher Lageplan der Dreifaltigkeitskirche in Berlin im Schnittpunkt von Mohren-, Mauer- und Kanonierstraße.
Fig. 432: Städtebaulicher Lageplan der Umgebung der Kirche Saint-Augustin in Paris im Maßstab 1:5000.

Die auf bebauten Plätzen von drei oder vier Seiten freistehenden Gebäude beherrschen das Erscheinungsbild der Stadt am stärksten, weil sie mehr als andere geeignet sind, die Richtungen der Straßen zu bestimmen und den Schlusspunkt von Sichtachsen zu bilden. Es ist bekannt, dass in dieser Beziehung die Weltstadt an der Seine allen anderen Großstädten weit überlegen ist. Der Arc de Triomphe, die Oper, die schon erwähnten Kirchen St.-Augustin und Ste.-Trinité, die Kirchen Notre-Dame-de-Lorette, St.-Vincent de Paul, Ste.-Marie-Madeleine, der Straßburger Bahnhof, die Zentralhallen, der Trocadéro-Palast, der Invalidendom, der Palais du Luxembourg, das Odéon, das Panthéon, das Belvedere der Buttes-Chaumont

Fig. 433: Lageplan des Gensdarmenmarktes in Berlin mit Französischer Kirche, Schauspielhaus und Neuer Kirche.

und viele andere bekannte Bauwerke bilden die Zielpunkte von größeren oder kleineren, von einer oder mehreren Straßenperspektiven. Manche andere Straßen sind in reizvoller Weise so gerichtet, dass sie nicht unmittelbar, sondern über zwischenliegende Häusergruppen hinweg einen architektonischen Schlusspunkt besitzen; schöne Beispiele dieser Art sind der Boulevard St.-Michel, welcher – von Süd nach Nord gesehen – jenseits der Seine über der Gruppe der Justizgebäude auf den Dachreiter der Sainte-Chapelle zielt, und die Avenue de Friedland, welche mittelbar auf die Kuppel der Augustinerkirche zuführt. Daher ist die Stadt außerordentlich reich an architektonischen Bildern, deren Wirkung mit Vorliebe dadurch gesteigert wird, dass die Bauwerke auf erhöhten Stellen errichtet und oft zu tiefliegenden Pflanzungen in Beziehung gesetzt sind (Madeleine, St.-Trinité, St.-Vincent de Paul, St.-Sulpice, Ste.-Clotilde, Trocadéro, Sacré-Cœur usw.).

Andere Beispiele schöner indirekter Straßenperspektiven sind die Whitehall-Straße zu London, welche über zwischenliegende Gebäude auf das Parlamentsgebäude zielt; ferner der Blick vom Hauptbahnhof zu Elberfeld über die Wupperbrücke in die Stadt hinein, über welcher in der Straßenachse die auf der Anhöhe errichtete Herz-Jesu-Kirche emporragt; der Blick vom Steinentor auf die Elisabethenkirche zu Basel usw. An solchen reizvollen und malerischen Bildern, die mehr durch ein glückliches Zusammentreffen als nach absichtlichem Plan entstanden sind, sind unsere schönen deutschen Städte des Mittelalters besonders reich, so Nürnberg, Braunschweig, Hildesheim und Lübeck.

225. Maßhalten. Indes ist auch bei den Straßenperspektiven weises Maßhalten nötig. Lange, breite Verkehrsstraßen können nicht auf zierliche Gebäude oder Standbilder gerichtet werden, ohne die Wirkung der Letzteren zu schwächen. Ein warnendes Beispiel ist der große, auf das Rathaus zu Löwen gerichtete Durchbruch der dortigen Bahnhofstraße, der das zierliche Bauwerk in wirklich unbehaglicher Weise bloßstellt. Besonders die mittelalterlichen Gebäude bedürfen eines nicht zu weit gespannten Rahmens; mit Straßenperspektiven und Freilegungen kann man bei ihnen leicht zu weit gehen, wie es tatsächlich beim Mailänder Dom und bei der Kathedrale Notre-Dame zu Paris geschehen ist. (Vgl. auch Kap. 8 Art. 282).

Footnotes

  1. Nach: Sitte, a. a. O., S. 71.

Datenansicht

Schematischer Lageplan des Rathausplatzes in Philadelphia mit der als fehlerhaft bewerteten Platzierung des Rathauses mitten auf der Straßenkreuzung.

Fig. 69.

Schematischer Lageplan des Rathausplatzes in Philadelphia mit der als fehlerhaft bewerteten Platzierung des Rathauses mitten auf der Straßenkreuzung.

Lageplan des Pariser Opernplatzes (Place de l'Opéra) mit der Opéra Garnier und den einmündenden Boulevards im Maßstab 1:1250.

Fig. 70.

Lageplan des Pariser Opernplatzes (Place de l'Opéra) mit der Opéra Garnier und den einmündenden Boulevards im Maßstab 1:1250.

Städtebaulicher Lageplan des Feuerseeplatzes mit der Johanneskirche in Stuttgart.

Fig. 71.

Städtebaulicher Lageplan des Feuerseeplatzes mit der Johanneskirche in Stuttgart.

Städtebaulicher Lageplan des Karolinenplatzes mit der Kirche St. Elisabeth in Wien als Beispiel für eine verkehrshindernde Platzgestaltung.

Fig. 73.

Städtebaulicher Lageplan des Karolinenplatzes mit der Kirche St. Elisabeth in Wien als Beispiel für eine verkehrshindernde Platzgestaltung.

Lageplan des Ulmer Münsterplatzes mit dem freistehenden Münster und den umgebenden Baublöcken.

Fig. 424.

Lageplan des Ulmer Münsterplatzes mit dem freistehenden Münster und den umgebenden Baublöcken.

Lageplan des Münsterplatzes mit dem Freiburger Münster in Freiburg im Breisgau im Maßstab 1:2500.

Fig. 425.

Lageplan des Münsterplatzes mit dem Freiburger Münster in Freiburg im Breisgau im Maßstab 1:2500.

Lageplan des Lessing-Theaters in Berlin auf einem dreieckigen Restgrundstück an Spree und Stadtbahnviadukt.

Fig. 426

Lageplan des Lessing-Theaters in Berlin auf einem dreieckigen Restgrundstück an Spree und Stadtbahnviadukt.

Lageplan des St. Johannis-Platzes mit der St. Johannis-Kirche in Kopenhagen im Maßstab 1:2500.

Fig. 427

Lageplan des St. Johannis-Platzes mit der St. Johannis-Kirche in Kopenhagen im Maßstab 1:2500.

Lageplan des Kirchenplatzes an der Landshuter Straße in Schöneberg bei Berlin.

Fig. 428

Lageplan des Kirchenplatzes an der Landshuter Straße in Schöneberg bei Berlin.

Lageplan des Kirchenplatzes in Kiel mit frei stehendem Kirchenbaukörper und umgebendem Straßennetz.

Fig. 429

Lageplan des Kirchenplatzes in Kiel mit frei stehendem Kirchenbaukörper und umgebendem Straßennetz.

Lageplan des Bauplatzes der neuen reformierten Kirche zu Barmen im Maßstab 1:1250 mit umgebendem Straßennetz und Grünanlage.

Fig. 430

Lageplan des Bauplatzes der neuen reformierten Kirche zu Barmen im Maßstab 1:1250 mit umgebendem Straßennetz und Grünanlage.

Städtebaulicher Lageplan der Dreifaltigkeitskirche in Berlin im Schnittpunkt von Mohren-, Mauer- und Kanonierstraße.

Fig. 431

Städtebaulicher Lageplan der Dreifaltigkeitskirche in Berlin im Schnittpunkt von Mohren-, Mauer- und Kanonierstraße.

Städtebaulicher Lageplan der Umgebung der Kirche Saint-Augustin in Paris im Maßstab 1:5000.

Fig. 432

Städtebaulicher Lageplan der Umgebung der Kirche Saint-Augustin in Paris im Maßstab 1:5000.

Lageplan des Gensdarmenmarktes in Berlin mit Französischer Kirche, Schauspielhaus und Neuer Kirche.

Fig. 433

Lageplan des Gensdarmenmarktes in Berlin mit Französischer Kirche, Schauspielhaus und Neuer Kirche.

Lageplan des Belle-Alliance-Platzes und des Halleschen Torplatzes in Berlin im Maßstab 1:2500.

Fig. 471.

Lageplan des Belle-Alliance-Platzes und des Halleschen Torplatzes in Berlin im Maßstab 1:2500.

Städtebaulicher Lageplan mit dem Entwurf von Camillo Sitte zur Umgestaltung und engeren Umbauung der Umgebung der Wiener Votivkirche.

Fig. 491

Städtebaulicher Lageplan mit dem Entwurf von Camillo Sitte zur Umgestaltung und engeren Umbauung der Umgebung der Wiener Votivkirche.

Städtebaulicher Lageplan des Herwarth-Platzes in Köln mit zentral platziertem Kirchenbau und umgebenden Platz- und Straßenräumen.

Fig. 499

Städtebaulicher Lageplan des Herwarth-Platzes in Köln mit zentral platziertem Kirchenbau und umgebenden Platz- und Straßenräumen.