Abschnitt 79

f) Umbau der Altstadt

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412. Ursache des Umbaues. Mit der Zunahme der Bevölkerung und der Stadt wächst unaufhaltsam der Verkehr. Die Stadtanlagen des späteren Mittelalters und besonders diejenigen der Barockzeit sind zum Teil so weiträumig und wohldurchdacht, dass sie auch den Verkehrsanforderungen der Gegenwart noch gewachsen sind oder doch nur weniger Verbesserungen bedürfen. Anders die Städte des frühen Mittelalters oder die Industriedörfer und neueren Kleinstädte, die zur Großstadt allmählich angewachsen sind oder doch diesem Ziele entgegenwachsen. Hier sind Verbreiterungen, Höhenverbesserungen, Durchbrüche an der Tagesordnung.

413. Baulinienentwurf für die Altstadt. Mit dem Entwurf des Stadterweiterungsplanes ist deshalb in der Regel der Baulinienentwurf für die Altstadt verknüpft. Wie aber für ein stillstehendes oder nur langsam sich entwickelndes Städtchen kein größerer Stadterweiterungsentwurf nötig ist, so ist dort auch die Feststellung eines allgemeinen Baulinienplanes der alten Straßen entbehrlich, ja nachteilig. Es ist besser, bei den selten vorkommenden Neubauten von Fall zu Fall die Frage der Baulinien zu prüfen und unter Wahrung der Eigenart des Ortes festzusetzen.

Wachsen jedoch die Verkehrsanforderungen und setzen sich draußen immer neue Stadtteile an, so hört die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit der Entschließung von Fall zu Fall auf. Es bedarf alsdann einer Prüfung der ganzen alten Stadtanlage in Bezug auf die Bedürfnisse der Zukunft und der Feststellung eines einheitlichen, allgemeinen Baulinienplanes, damit nach ihm die fortwährenden Neu- und Umbauten an alten Straßen sich richten und die Gelegenheit zu notwendigen Höhenverbesserungen und Durchbrüchen nicht versäumt wird. Wie im Stadterweiterungsplane, so kann man indes auch im Baulinienplan der Altstadt für solche Teile, wo keine Dringlichkeit vorliegt, sich auf den bloßen wohldurchdachten Entwurf vorläufig beschränken, um die gesetzliche Festlegung erst beim unmittelbaren Bedürfnis auf Grund erneuter Prüfung vorzunehmen.

Fig. 593: Stadtplan-Ausschnitt von Paris mit dem geplanten Straßendurchbruch durch das Palais Royal nach einem Entwurf von Eugène Hénard.
Fig. 594: Stadtplanentwurf von Eugène Hénard mit vorgeschlagenen Straßendurchbrüchen durch den Pariser Stadtkern beim Palais Royal.

414. Ausgeführte Umbauten. Kaum eine größere Stadt Deutschlands ist von der Aufgabe, ihre alten Straßen — wenigstens bei Errichtung von Neubauten — zu verbreitern und zu verbessern, auch neue Verkehrsstraßen durch alte Stadtteile durchzubrechen, ganz verschont geblieben. Vielfach ist dabei, wie die Erfahrung bewiesen hat, im praktischen und künstlerischen Sinne gesündigt worden. Die heute allgemein anerkannten Grundsätze für die Veränderung alter Straßen, Plätze und Stadtteile haben wir bereits in Kap. 8 des vorigen Abschnittes besprochen.

Am meisten haben wohl in Straßendurchbrüchen die Städte Paris, London, Brüssel, Budapest, Neapel und Rom geleistet, nicht immer im vorbildlichen Sinne. An der Spitze dieser Tätigkeit steht die Stadt Paris, die, nachdem sie unter Napoleon III. und unter der zweiten Republik Veränderungen ihres Inneren von ungewöhnlich großem Umfange erfahren hat, gegenwärtig anscheinend einer dritten Umbauperiode entgegengeht, nicht als ob die früheren Anlagen sich nicht bewährt hätten, sondern weil auch sie dem wachsenden Verkehr der Weltstadt an der Seine immer noch nicht genügen. Der Entwurf des Architekten E. Hénard für ein durch den Stadtkern durchzubrechendes Kreuz neuer Hauptstraßen von 35 und 40 m Breite ist in bis dargestellt. Die auch in diesen Abbildungen zu erkennende Zusammenführung der Verkehrslinien auf bestimmte Knotenpunkte sowie die geringe Scheu

Fig. 595: Vogelschaubild über Paris mit dem städtebaulichen Entwurf von Eugène Hénard für neue Straßendurchbrüche im Stadtzentrum.

vor spitzwinkeligen und ganz kleinen Baublöcken ist, wie bereits früher hervorgehoben, eine Eigenart des modernen französischen Städtebaues.

415. Öffentliche Gesundheitspflege. Die zweite Ursache des Umbaues alter Stadtteile ist die öffentliche Gesundheitspflege. Wenn ein enges, lichtloses Gassengewirr mit dichter, alter Bebauung außerhalb des Verkehrs liegt, wenn deshalb zu freiwilligen Neu- und Verbesserungsbauten der wirtschaftliche Anlass fehlt, so bilden sich oft so starke und dauernde Wohnmissstände, dass nur ein gewaltsamer Eingriff Hilfe zu bringen vermag. Ähnlich, wenn ein alter Stadtteil der wiederkehrenden Überschwemmung ausgesetzt ist und nur eine allgemeine Hebung des Geländes die Ursache dieser Erscheinung und deren üble Folgen beseitigen kann. Wir werden auf diese Fälle in Abschn. 4, Kap. 3 näher eingehen.

Datenansicht

Stadtplan-Ausschnitt von Paris mit dem geplanten Straßendurchbruch durch das Palais Royal nach einem Entwurf von Eugène Hénard.

Fig. 593

Stadtplan-Ausschnitt von Paris mit dem geplanten Straßendurchbruch durch das Palais Royal nach einem Entwurf von Eugène Hénard.

Stadtplanentwurf von Eugène Hénard mit vorgeschlagenen Straßendurchbrüchen durch den Pariser Stadtkern beim Palais Royal.

Fig. 594

Stadtplanentwurf von Eugène Hénard mit vorgeschlagenen Straßendurchbrüchen durch den Pariser Stadtkern beim Palais Royal.

Vogelschaubild über Paris mit dem städtebaulichen Entwurf von Eugène Hénard für neue Straßendurchbrüche im Stadtzentrum.

Fig. 595

Vogelschaubild über Paris mit dem städtebaulichen Entwurf von Eugène Hénard für neue Straßendurchbrüche im Stadtzentrum.