Der rohe Gips enthält etwa 20 Prozent Kristallwasser, das beim Erhitzen zu einem mehr oder weniger großen Teil entweicht. Wird der Gips hierbei auf etwa 120 bis 130 °C erhitzt, so verliert er nur einen Teil seines Wassers, und man erhält den sogenannten Stuck- oder Bildhauergips, auch Schnellgips genannt. Ein aus dem Pulver eines solchen Gipses mit Wasser hergestellter dünner, milchartiger Brei muss, wenn der Gips richtig gebrannt ist, in 5 bis 10 Minuten zu erstarren und abzubinden beginnen, nach 30 Minuten aber vollkommen erhärtet sein, wobei eine deutliche, aber nicht starke Erwärmung zu spüren ist. Auf dem Umstand, dass beim Erstarren eines solchen Breis eine geringe Ausdehnung der Masse stattfindet, beruht die Anwendung dieses Gipses für Abgüsse von Kunstgegenständen und zur Herstellung von Ornamenten in Leimformen. Der sehr dünne Gipsbrei ist nämlich imstande, alle Teile der Gussform rasch und vollkommen auszufüllen, und dringt beim Erstarren durch die dabei stattfindende Ausdehnung in die feinsten Details ein, sodass man Abgüsse von vollkommener Genauigkeit erhält. Nach dem Erhärten treibt ein richtig gebrannter Stuckgips jedoch nicht mehr. Härte und Festigkeit solcher Gipsgüsse sind stets weit geringer als beim natürlichen Gipsstein, und der Stuckgips ist gegen die Einflüsse des Wetters und gegen Feuchtigkeit nur wenig widerstandsfähig.
Steigert man die Hitze jedoch bis zur vollen Rotglut, so erhält man einen Gips mit völlig anderen Eigenschaften, nämlich den sogenannten Estrich- oder Bodengips. Bei Rotglut hat der Gips sein Kristallwasser vollkommen verloren. Er ist dadurch weitaus dichter und schwerer geworden und nimmt das entzogene Wasser nur sehr langsam wieder auf. Bringt man gepulverten Estrichgips in Wasser, sinkt er darin schwer zu Boden und verhält sich beim Anrühren ganz ähnlich wie langsam bindender Zement. Man kann damit einen sehr steifen Gipsbrei anmischen, der stundenlang weich bleibt, dann äußerst langsam abbindet und erst nach vielen Tagen vollständig erhärtet. Die Festigkeit, die diese Gipsmasse schließlich erlangt, ist außerordentlich hoch; zudem ist sie sehr dicht, wetterbeständig und haftet fest an Mauersteinen und Dachziegeln.
Nach dieser Darlegung der so unterschiedlichen Eigenschaften der beiden Gipsarten erklärt es sich, dass man bei der Anwendung von Gips zu Bauzwecken nur dann gute Erfolge erzielt, wenn man dies berücksichtigt. Man muss stets beachten, dass der poröse und lose Stuckgips zwar im Inneren von Gebäuden und allenfalls an Außenwänden, die dem Wetter nicht ausgesetzt sind, für Dekorationszwecke, als Putz oder in Form von Rabitzwänden und Gipsdielen ein hervorragendes Material ist, dass er aber weder der Witterung noch der Feuchtigkeit ausgesetzt werden darf. Er darf auch nicht verwendet werden, wo eine hohe Festigkeit verlangt wird. In solchen Fällen leistet dagegen der Estrichgips wertvolle Dienste.
Durch die Nichtbeachtung dieser Regel sind Gipsestriche als Fußböden teilweise in Verruf geraten, da man versuchte, Estriche aus Stuckgips herzustellen, und damit natürlich ein höchst unbefriedigendes Ergebnis erzielte.
Ein Estrich aus gutem Estrichgips ist jedoch, wenn er richtig hergestellt und gut verdichtet wird, ein ganz ausgezeichneter Fußbodenbelag, besonders für Dachböden, als Unterlage für Linoleum usw.
Um einen guten und haltbaren Gipsestrich zu erhalten, kommt es vor allem darauf an, dass erstens der Gips richtig hergestellt und gut gelagert ist – was nur von einer Fabrik geleistet werden kann, die die Herstellung von Estrichgips als Spezialartikel betreibt – und zweitens der Estrich fachgerecht verlegt wird. Als eine Fabrik mit bestem Ruf ist hier die Gipsfabrik von Albert Voss in Ellrich am Harz zu empfehlen.
Das Anrühren von Gips geschieht am besten mit filtriertem Regenwasser oder mit saurer Milch. Binnen 24 Stunden wird der Gips außerordentlich hart. Feiner Marmorstaub erhöht den Härtegrad weiter. Ein Zusatz von 100 g Alaun und 100 g Salmiak auf $1\frac{1}{2}$ kg Gips ist zu empfehlen.
Auch kann man folgendermaßen verfahren: Man formt den Gips in einer Schüssel zu einem Kegel und gießt langsam so viel Wasser oder saure Milch nach, bis der Kegel bis zur Spitze Feuchtigkeit gezogen hat; erst dann fängt man an zu rühren und vermeidet jedes vorzeitige Rühren. (Tonindustrie-Zeitung.)