Abschnitt 323

IV. Kautschuk und Guttapercha

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Kautschuk (Federharz) und Guttapercha sind sehr nahe verwandte Substanzen und bestehen aus dem eingedickten Zellsaft von Isonandra-Arten aus der Familie der Sapotaceen (Guttapercha) und von Artocarpeen, Apocyneen und Euphorbiaceen, welche Letztere auch in unseren nördlichen Breiten noch als das bekannte giftige Wolfsmilchkraut vorkommen. Die Gewinnung von Guttapercha geschieht in der Weise, dass man die zu Pulver zerstoßenen Blätter, Zweige und Rinden bei einer Hitze von 100 °C mit Toluen versetzt und dieses Lösungsmittel dann durch die Einwirkung von Wasserdampf entfernt. Bei anderen Ausführungsformen der Extraktion werden Schwefelkohlenstoff, Petroläther oder Harzöl verwendet.

Für die Fabrikation is nun die Unterscheidung zwischen Kautschuk und Guttapercha von Wichtigkeit; da aber beide Stoffe ähnliche Kohlenwasserstoffverbindungen aus dem Milchsaft verschiedener Bäume sind, so ist die richtige Bestimmung nur möglich, wenn man die für jeden dieser Stoffe charakteristischen Eigenschaften kennt. Während das Kautschuk nach den Untersuchungen des Naturforschers Moreller ein vorzugsweise elastischer Körper ist, d. h. ein Gebilde, das in natürlichem Zustand nur in geringem Maße die Fähigkeit besitzt, dauernd die Formveränderung festzuhalten, die es durch Einwirkung einer mechanischen Kraft erleidet, kann die Guttapercha dagegen die durch dieselbe Kraft bedingte Formveränderung bewahren. Unter dem Einfluss der Wärme wird das natürliche (nicht vulkanisierte) Kautschuk weich und dehnbar, behält aber seine Elastizität, solange die Wärme nicht über das Maß hinausgeht, bei dem das Kautschuk seine natürlichen Eigenschaften verliert und überhaupt seine physikalische und chemische Beschaffenheit verändert.

Guttapercha wird dagegen durch die Einwirkung einer vorsichtig angewandten Hitze, die 100 °C nicht übersteigt (z. B. siedendes Wasser), außerordentlich knetbar und behält auch nach der Abkühlung die Form, die man ihr im heißen Zustand gegeben hat. Doch verwandelt sich Kautschuk unter dem gleichzeitigen Einfluss von Luft, Wärme und Zeit in eine klebrige, zähe und mehr oder weniger flüssige Masse, während Guttapercha unter denselben Bedingungen brüchig und harzig wird.

Während Kautschuk mit Schwefel unter dem Einfluss der Vulkanisation eine chemische Verbindung eingeht und gleichmäßiges, elastisches Material liefert, lässt sich Guttapercha in dieser Weise mit Schwefel nicht behandeln.

Nachdem 1846 in Frankfurt a. M. das erste Patent auf die Verarbeitung von Guttapercha angemeldet worden war, begann sich eine rege Guttapercha-Industrie zu entwickeln. Die rohen Guttaperchablöcke werden in der Fabrik zwecks Reinigung mittels Schneidemaschinen u. dgl. zerkleinert und in kaltem Wasser ausgespült; nachdem diese kleinen Stücke dann in einem mit heißem Wasser gefüllten Gefäß erweicht und wieder miteinander verbunden worden sind, hat man einen für viele Zwecke geeigneten Stoff erhalten.

Um die Guttapercha als Isoliermittel geeignet zu machen, wird sie mit Weichmaschinen, Knet- und Walzwerken so lange bearbeitet, bis die letzten Spuren von Luft und Wasser entfernt sind (Technische Rundschau 1899, Nr. 28, S. 321).

Straßenpflaster aus Kautschuk. Kautschuk hat sich in der nordamerikanischen Stadt Hannover als ein zähes, elastisches, dauerhaftes und geräuschloses Straßenpflaster bewährt, das aus etwa 2,5 cm starken Platten besteht. Auch auf der Station Enston der London and Great Northern-Bahn sind Platten von etwa 1,25 m Länge, 30 cm Breite und 5 cm Dicke auf festen Untergrund gelegt worden, die nun über 15 Jahre halten. Der Belag ist allerdings sehr kostspielig, da sich das Quadratmeter auf etwa 180 Mark beläuft.

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